21.07.2008 - 01:37
Historik Forum
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  #1  
Alt 18.01.2007, 22:37
Benutzerbild von Sartre
Propraetor
 
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Beiträge: 645
Gedichtesammlung

Hier kann jeder seine Lieblingsgedichte niederschreiben.
Ich glaube so was fehlt hier noch.

Naja, ich fang mal an:

Mondnacht

Es war, als hätt' der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis' die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

(Joseph von Eichendorff)
__________________
"Die Weltgeschichte ist auch die Summe dessen, was vermeidbar gewesen wäre."
"Es ist besser, unvollkommene Entscheidungen durchzuführen, als beständig nach vollkommenen Entscheidungen zu suchen, die es niemals geben wird."
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  #2  
Alt 18.01.2007, 22:48
Novalis
Gast
 
Beiträge: n/a
AW: Gedichtesammlung

Ne gibts das... da postet er mein Lieblingsgedicht...
Jetzt muß ich erstmal suchen...

Edit:

GEFÜHL
IN DEN AUGENBLICKEN
TOTENÄHNLICHEN SEINS
ALLE MENSCHEN
SIND DER LIEBE WERT
ERWACHEND FÜHLST DU
DIE BITTERNIS DER WELT
DARIN IST ALL DEINE
UNGELÖSTE SCHULD
DEIN GEDICHT EINE
UNVOLLKOMMENE SÜHNE

-Georg Trakl-

Geändert von Novalis (18.01.2007 um 22:51 Uhr).
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  #3  
Alt 18.01.2007, 22:50
Benutzerbild von Sartre
Propraetor
 
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AW: Gedichtesammlung

Zitat von Novalis Beitrag anzeigen
Ne gibts das... da postet er mein Lieblingsgedicht...
Jetzt muß ich erstmal suchen...
Sorry.
Ist auch mein Lieblingsgedicht.
__________________
"Die Weltgeschichte ist auch die Summe dessen, was vermeidbar gewesen wäre."
"Es ist besser, unvollkommene Entscheidungen durchzuführen, als beständig nach vollkommenen Entscheidungen zu suchen, die es niemals geben wird."
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  #4  
Alt 19.01.2007, 07:55
Benutzerbild von Tal0n
politisch motiviert
 
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AW: Gedichtesammlung

Brecht ist so herrlich martialisch:

Kinderkreuzzug '39

In Polen, im Jahr Neunundreißig
War eine blutige Schlacht
Die hatte viele Städte und Dörfer
Zu einer Wildnis gemacht.

Die Schwester verlor den Bruder
Die Frau den Mann im Heer;
Zwischen Feuer und Trümmerstätte
Fand das Kind die Eltern nicht mehr.

Aus Polen ist nichts mehr gekommen
Nicht Brief noch Zeitungsbericht.
Doch in den östlichen Ländern
Läuft eine seltsame Geschicht.

Schnee fiel, als man sich's erzählte
In einer östlichen Stadt
Von einem Kinderkreuzzug
Der in Polen begonnen hat.

Da trippelten Kinder hungernd
In Trüpplein hinab die Chausseen
Und nahmen mit sich andere, die
In zerschossenen Dörfern stehn.

Sie wollten entrinnen den Schlachten
Dem ganzen Nachtmahr
Und eines Tages kommen
In ein Land, wo Frieden war.

Da war ein kleiner Führer
Das hat sie aufgericht'.
Er hatte eine große Sorge:
Den Weg, den wußte er nicht.

Eine Elfjährige schleppte
Ein Kind von vier Jahr
Hatte alles für eine Mutter
Nur nicht ein Land, wo Frieden war.

Ein kleiner Jude marschierte im Trupp
Mit einem samtenen Kragen
Der war das weißeste Brot gewohnt
Und hat sich gut geschlagen.

Und ging ein dünner Grauer mit
Hielt sich abseits in der Landschaft.
Er trug an einer schrecklichen Schuld:
Er kam aus einer Nazigesandtschaft.

Und da war ein Hund
Gefangen zum Schlachten
Mitgenommen als Esser
Weils sie's nicht übers Herz brachten.

Da war eine Schule

Und ein kleiner Lehrer für Kalligraphie.
Und ein Schüler an einer zerschossenen Tankwand
Lernte schreiben bis zu Frie...

Da war auch eine Liebe.
Sie war zwölf, er war fünfzehn Jahr.
In einem zerschossenen Hofe
Kämmte sie ihm sein Haar.

Die Liebe konnte nicht bestehen
Es kam zu große Kält:
Wie sollen die Bäumchen blühen
Wenn so viel Schnee drauf fällt?

Da war auch ein Begräbnis
Eines Jungen mit samtenen Kragen
Der wurde von zwei Deutschen
Und zwei Polen zu Grab getragen.

Protestant, Katholik und Nazi war da
Ihn der Erde einzuhändigen.
Und zum Schluß sprach ein kleiner Kommunist
Von der Zukunft der Lebendigen.

So gab es Glaube und Hoffnung
Nur nicht Fleisch und Brot.
Und keiner schelt sie mir, wenn sie was stahln
Der ihnen nicht Obdach bot.

Und keiner schelt mir den armen Mann
Der sie nicht zu Tische lud:
Für ein halbes Hundert, da braucht es
Mehl, nicht Opfermut.

Sie zogen vornehmlich nach Süden.
Süden ist, wo die Sonn
Mittags um zwölf steht
Gradaus davon.

Sie fanden zwar einen Soldaten
Verwundet im Tannengries
Sie pflegten ihn sieben Tage
Damit er den Weg ihnen wies.

Er sagte ihnen: Nach Bilgoray!
Muß stark gefiebert haben
Und starb ihnen weg am achten Tag.
Sie haben auch ihn begraben.

Und da gab es ja Wegweiser
Wenn auch vom Schnee verweht
Nur zeigten sie nicht mehr die Richtung an
Sondern waren umgedreht.

Das war nicht etwa ein schlechter Spaß
Sondern aus militärischen Gründen.
Und als sie suchten nach Bilgoray
Konnten sie es nicht finden.

Sie standen um ihren Führer.
Der sah in die Schneeluft hinein
Und deutete mit der kleinen Hand
Und sagte: Es muß dort sein.

Einmal, nachts, sahen sie ein Feuer
Da gingen sie nicht hin.
Einmal rollten drei Tanks vorbei
Da waren Menschen drin.

Einmal kamen sie an eine Stadt
Da machten sie einen Bogen.
Bis sie daran vorüber waren
Sind sie nur nachts weitergezogen.

Wo einst das südöstliche Polen war
Bei starkem Schneewehn
Hat man die fünfundfünfzig
Zuletzt gesehn.

Wenn ich die Augen schließe
Seh ich sie wandern
Von einem zerschossenen Bauerngehöft
Zu einem zerschossenen andern.

Über ihnen, in den Wolken oben
Seh ich andre Züge, neue, große!
Mühsam wandernd gegen kalte Winde
Heimatlose, Richtungslose

Suchend nach dem Land mit Frieden
Ohne Donner, ohne Feuer
Nicht wie das, aus dem sie kamen
Und der Zug wird ungeheuer.

Und er scheint mir durch den Dämmer
Bald schon gar nicht mehr derselbe:
Andere Gesichtlein seh ich
Spanische, französische, gelbe!

In Polen, in jenem Januar
Wurde ein Hund gefangen
Der hatte um seinen mageren Hals
Eine Tafel aus Pappe hangen.

Darauf stand: Bitte um Hilfe!
Wir wissen den Weg nicht mehr.
Wir sind fünfundfünfzig
Der Hund führt euch her.

Wenn ihr nicht kommen könnt
Jagt ihn weg
Schießt nicht auf ihn
Nur er weiß den Fleck.

Die Schrift war eine Kinderhand.
Bauern haben sie gelesen.
Seitdem sind eineinhalb Jahre um.
Der Hund ist verhungert gewesen.

An die Nachgeborenen

I
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?

Es ist wahr: Ich verdiene nur noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)

Man sagt mir: Iss und trink du! Sei froh, dass du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdursteten fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise.
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!


II

In die Städte kam ich zur Zeit der Unordnung
Als da Hunger herrschte.
Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs
Und ich empörte mich mit ihnen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten
Schlafen legte ich mich unter die Mörder
Der Liebe pflegte ich achtlos
Und die Natur sah ich ohne Geduld.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit.
Die Sprache verriet mich dem Schlächter.
Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden
Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Kräfte waren gering. Das Ziel
Lag in großer Ferne
Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich
Kaum zu erreichen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.


III

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.

Dabei wissen wir doch:
Auch der Hass gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.
__________________
„Was sind dies für Zeiten,
Wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist,
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschliesst!“
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  #5  
Alt 19.01.2007, 10:37
Benutzerbild von Draconarius
Historiddler
 
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AW: Gedichtesammlung

Was ich ganz gut finde, ist u.a. eine bestimmte Passage aus Heinrich Heines "Deutschland - Ein Wintermärchen", Kimon hatte sie bereits einmal gepostet:
Das ist der Teutoburger Wald,
Den Tacitus beschrieben,
Das ist der klassische Morast,
Wo Varus steckengeblieben.

Hier schlug ihn der Cheruskerfürst,
Der Hermann, der edle Recke;
Die deutsche Nationalität,
Die siegte in diesem Drecke.

Wenn Hermann nicht die Schlacht gewann,
Mit seinen blonden Horden,
So gäb es deutsche Freiheit nicht mehr,
Wir wären römisch geworden!

In unserem Vaterland herrschten jetzt
Nur römische Sprache und Sitten,
Vestalen gäb es in München sogar,
Die Schwaben hießen Quiriten!

Der Hengstenberg wär ein Haruspex
Und grübelte in den Gedärmen
Von Ochsen. Neander wär ein Augur
Und schaute nach Vogelschwärmen.

Birch-Pfeiffer söffe Terpentin,
Wie einst die römischen Damen.
(Man sagt, daß sie dadurch den Urin
Besonders wohlriechend bekamen.)

Der Raumer wäre kein deutscher Lump,
Er wäre ein röm'scher Lumpacius.
Der Freiligrath dichtete ohne Reim,
Wie weiland Flaccus Horatius.

Der grobe Bettler, Vater Jahn,
Der hieße jetzt Grobianus.
Me hercule! Maßmann spräche Latein,
Der Marcus Tullius Maßmanus!

Die Wahrheitsfreunde würden jetzt
Mit Löwen, Hyänen, Schakalen
Sich raufen in der Arena, anstatt
Mit Hunden in kleinen Journalen.

Wir hätten einen Nero jetzt,
Statt Landesväter drei Dutzend.
Wir schnitten uns die Adern auf,
Den Schergen der Knechtschaft trutzend.

Der Schelling wär ganz ein Seneca,
Und käme in solchem Konflikt um.
Zu unsrem Comelius sagten wir:
»Cacatum non est pictum.«

Gottlob! Der Hermann gewann die Schlacht,
Die Römer wurden vertrieben,
Varus mit seinen Legionen erlag,
Und wir sind Deutsche geblieben!

Wir blieben deutsch, wir sprechen deutsch,
Wie wir es gesprochen haben;
Der Esel heißt Esel, nicht asinus,
Die Schwaben blieben Schwaben.

Der Raumer blieb ein deutscher Lump
In unserm deutschen Norden.
In Reimen dichtet Freiligrath,
Ist kein Horaz geworden.

Gottlob, der Maßmann spricht kein Latein,
Birch-Pfeiffer schreibt nur Dramen,
Und säuft nicht schnöden Terpentin
Wie Roms galante Damen.

O Hermann, dir verdanken wir das!
Drum wird dir, wie sich gebühret,
Zu Detmold ein Monument gesetzt;
Hab selber subskribieret.
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  #6  
Alt 19.01.2007, 16:11
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AW: Gedichtesammlung

Der Abend

Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewußt,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.


(Joseph von Eichendorff)
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  #7  
Alt 19.01.2007, 16:48
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AW: Gedichtesammlung

Ein Soldat stirbt nicht

Ein Soldat stirbt nicht,
er wird nicht vergast, nicht verbrannt und nicht zermatscht.
Er krepiert nicht mit herausquellenden Augen und
weitaufgerissenem Maul nach Luft saugend.
Er endet nicht tierisch schreiend und
sich epileptisch am Boden wälzend als lebende Fackel.
Er versucht nicht, schwerverletzt und panisch robbend
den alles zermalmenden Panzerketten zu entkommen.
Ein Soldat hat keine Angst, keine Schmerzen.
Ein Soldat stirbt nicht,
er fällt.

Bevor der Aufschrei kommt, ich verstehe dieses Gedicht als eine Mahnung gegen den entmenschlichten Krieg.
__________________
Deutschlands Einigkeit, meine Stärke
Meine Stärke, Deutschlands Macht.

Freund der Freiheit
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  #8  
Alt 04.02.2007, 14:15
Benutzerbild von Sartre
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Die Nachtblume

Nacht ist wie ein stilles Meer,
Lust und Leid und Liebesklagen
Kommen so verworren her
In dem linden Wellenschlagen.

Wünsche wie die Wolken sind,
Schiffen durch die stillen Räume,
Wer erkennt im lauen Wind,
Ob‘s Gedanken oder Träume? -

Schließ ich nun auch Herz und Mund,
Die so gern den Sternen klagen:
Leise doch im Herzensgrund
Bleibt das linde Wellenschlagen.


Joseph von Eichendorff
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  #9  
Alt 15.04.2008, 16:44
Thete
 
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Na, so was, den Uralt-Thread hab ich bisher übersehen, sonst hätte ich den schon früher ausgegraben!

Meine persönlichen Lieblingsgedichte (eigentlich -balladen):

1.) Der Zauberlehrling von Goethe (wegen dem auf und ab der Emotionen, und weils eine der komischsten Geschichten ist, die es gibt)

Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort’ und Werke
Merkt’ ich, und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Thu’ ich Wunder auch.
Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe,
Und mit reichem vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.

Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
Bist schon lange Knecht gewesen;
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwey Beinen stehe,
Oben sey ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!
Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe,
Und mit reichem vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.

Seht, er läuft zum Ufer nieder;
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweytenmale!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!
Stehe! stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen! –
Ach, ich merk’ es! Wehe! wehe!
Hab’ ich doch das Wort vergessen!

Ach das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.
Nein, nicht länger
Kann ich’s lassen;
Will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!

O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh’ ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
Steh doch wieder still!
Willst’s am Ende
Gar nicht lassen?
Will dich fassen,
Will dich halten,
Und das alte Holz behende
Mit dem scharfen Beile spalten.

Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich! brav getroffen!
Seht, er ist entzwey!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich athme frei!
Wehe! wehe!
Beide Theile
Stehn in Eile
Schon als Knechte
Völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!

Und sie laufen! Naß und nässer
Wird’s im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör’ mich rufen! –
Ach da kommt der Meister!
Herr, die Noth ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd’ ich nun nicht los.
„In die Ecke,
Besen! Besen!
Seyd’s gewesen.
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
Erst hervor der alte Meister.“


Quelle: Der Zauberlehrling - Wikisource

Geändert von Thersites (15.04.2008 um 16:47 Uhr).
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  #10  
Alt 15.04.2008, 16:49
Thete
 
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2.) Das Lied vom Klassenfeind von Berthold Brecht (weils keine Zeilen gibt, die mehr Wut und Hass und gerechten Zorn versprühen; ich teile die politische Intention nicht wirklich, aber darum gehts mir auch nicht; naja, den Hass auf die Nazis kann ich nachvollziehen.)

Als ich klein war ging ich zur Schule
Und ich lernte, was mein und was dein
Und als dies alles gelernet war
Schien es mir nicht alles zu sein
Und ich hatte kein Frühstück zu essen
Und andre, die hatten eins
Und so lernte ich dochnoch alles
Vom Wesen des Klassenfeinds

Und ich lernte, wiesound weswegen
Da ein Riss ist quer durch die Welt
Und der bleibt zwischen uns, weil der Regen
Von oben nach unten fällt

Sie sagten mir, wenn ich brav bin
Dann würd ich dasselbe wie sie
Doch ich dachte mir, wenn ich ihr Schaf bin
Dann werd ich ein Metzger nie
Und manchen von uns, den sah ich
Der ging ihnen auf dem Strich
Und geschah ihm,was mir und was dir geschah
So wunderte er sich

Ich aber, ich tat mich nicht wundern
Ich kam ihnen frühzeitig drauf
Der Regen fließt eben herunter
Und flließt eben nicht hinauf

Doch da hörte ich sie dir Trommel rühren
Und alle, sie sprachen davon
Wir müssten nun Kriege führen
Um ein Plätzlein an der Sonn’
Und heisere Stimmen versprachen
Uns das Blaue vom Himmel herab
Und voll gefressene Bonzen brüllten:
Macht jetzt nicht schlapp!

Und wir dachten, jetzt sein’s nunmehr Stunden
Dann hätten wir dieses und das
Doch der Regen floss wieder herunter
Und wir fraßen vier Jahre lang Gras

Doch da sagten sie auf einmal
Jetzt machen wir Republik
Und der eine Mensch sei dem andren gleich
Ob er mager sei oder dick
Und die, die vom Hungern gar matt waren
Waren so voller Hoffnung wie nie
Doch die, die vom Fressen her satt waren
Waren hoffnungsfroh wie sie

Doch ich dachte, da kann was nicht stimmen
Und war trüber Zweifel voll
Das stimmt doch nicht, wenn der Regen
Nach oben fließen soll

Sie gaben uns Zettel zum Wählen
Wir gaben die Waffen her
Sie gaben uns ein Versprechen
Und wir gaben unser Gewehr!
Und sie versprachen, die es verstehen
Die würden uns helfen nun
Wir sollten an die Arbeit gehen
Wir würden das übrige tun

Und da ließ ich mich wieder bewegen
Und hielt, wie’s verlangt wurde, still
Und dachte, es ist nett von dem Regen
Wenn er aufwärts fließen will

Doch nach einer Weile, da sagten sie
Jetzt sei alles schon eingerenkt
Und wenn wir das kleinre Übel tragen
Dann sei uns das Größre geschenkt
Und wir schluckten den Pfaffen Brüning
Damit’s nicht der Papen sei
Und wir schluckten den Junker Papen
Denn sonst sei am Schleicher die Reih

Und der Pfaffe gab es dem Junker
Der Junker gab’s dem General
Und er Regen, der floss wieder nach unten
Und er floss ganz kolossal

Während wir mit Stimmzetteln liefen
Sperrten sie die Fabriken zu
Während wir vor Stempelstellen schliefen
Hatten sie vor ns Ruh
Und wir hörten Stimmen wie diese:
“Seid ruhig, wartet doch nur
Nach einer großen Krise
Kommt eine noch größere Konjunktur!“
Doch ich sagte zu meinen Kollegen:
“So spricht der Klassenfeind!
Wenn der von bessren Zeiten spricht
Ist seine Zeit gemeint

Der Regen, der kann nicht nach aufwärts
Nur weil er’s plötzlich gut mit uns meint
Was er kann, das ist, er kann aufhören
Nämlich denn, wenn die Sonne scheint."

Doch da sah ich sie marschieren
Hinter neuen Fahnen her
Und viele der Unsrigen sagten
Es gibt keinen Klassenfeind mehr
Doch an ihrer Spitze, da sah ich
Fressen, die kannte ich schon
Und ich hörte Stimmen brüllen
In dem alten Feldwebelton

Und still durch die Fahnen und Feste
Floss der Regen Nacht wie Tag
Und jeder konnte ihn spüren
Der auf der Straße lag

Sie übten sich fleißig im Schießen
Und sprachen laut vom Feind
Und zeigten wild über Grenzen
Doch uns haben sie gemeint
Denn sie und wir, wir sind Feinde
In einem Kampf, denn nur einer gewinnt
Denn sie leben von uns verrecken
Wenn wir nicht mehr Kulis sind

Und das ist es auch, weswegen
Ihr euch nicht wundert dürft
Wenn sie sich werfen auf uns wie der Regen
Sich auf den Boden wirft

Und wer von uns verhungert ist
Der fiel in einer Schlacht
Und wer von uns gestorben ist
Der wurde umgebracht
Wen sie holten mit ihren Soldaten
Dem hat Hungern nicht behagt
Wem sie den Kiefer eintraten
Der hatte nach Brot gefragt
Wem sie das Brot einst versprachen
Auf den machen sie jetzt Jagd
Und wem sie im Zinksarg heimbringen
Der hat die Wahrheit gesagt

Und wer ihnen da geglaubet hat
Dass sie seine Freunde sind
Der hat dann eben erwartet
Dass der Regen nach oben rinnt

Denn wir sind Klassenfeinde, Trommler
Was man uns auch immer sagt
Wer von uns nicht zu kämpfen wagte
Der hat zu Verhungern gewagt
Wir sind Klassenfeinde, Trommler
Das deckt dein Getrommel nicht zu
General, Fabrikant und Junker
Unser Feind, der bist Du!

Davon wird nichts verschoben
Da wird auch nichts eingerenkt
Der Regen, der fließt nicht nach oben
Und es seiihm auch geschenkt

Da mag dein Anstreicher streichen
Den Riss streicht der uns nicht zu
Einer bleibt und einer muss weichen
Entweder ich oder du
Und was immer ich auch noch lern
Das bleibt das Einmaleins:
Nichts habe ich jemals gemeinsam
Mit der Sache des Klassenfeinds

Das Wort, das wird nicht gefunden
Was uns beide jemals vereint
Der Regen fließt von oben nach unten
Und Du bist mein Klassenfeind!


Quelle: mein Gedächtnis, also mag es kleinere Ungenauigkeiten enthalten

Geändert von Thersites (15.04.2008 um 17:30 Uhr).
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  #11  
Alt 15.04.2008, 19:05
Thete
 
Registriert seit: 02.05.2007
Ort: Berlin
Beiträge: 701
Noch ein eher komisches Gedicht:

Der Werwolf von Christian Morgenstern

Ein Werwolf eines Nachts entwich
Von Frau und Kind und sich begab
Zu eines Dorfschullehrers Grab
Und bat ihn: "Bitte, beuge mich!"

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
Auf seines Blechschilds Messingknauf
Und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
Ergeben kreuzte vor dem Toten:

"Der Werwolf", sprach der gute Mann,
"Des Weswolfs, Genitiv sodann.
Dem Wemwolf, Dativ, wie man's nennt.
Den Wenwolf, damit hat's ein End."

Dem Wemwolf schmeichelten die Fälle
Er rollte seine Augenbälle
"Indessen", bat er, "füge doch
Zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!"

Der Dorfschulmeister aber musste
Gestehen, dass er von der nichts wusste.
Zwar Wölfe gäb's in großer Zahl,
Doch "Wer" gäb's nur im Singular.

Der Wolf erhob sich, tränenblind.
Er hatte doch noch Frau und Kind!
Doch da er kein Gelehrter eben
So schied er dankend und ergeben.


Quelle ist wieder mein Hirn...

Geändert von Thersites (15.04.2008 um 19:06 Uhr). Grund: Rechtschreibung
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  #12  
Alt 18.04.2008, 21:04
Benutzerbild von Nero
die Schwarze
 
Registriert seit: 28.02.2006
Ort: Berlin
Beiträge: 183
Wie steht's mit eigenen Gedichten? ^^
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  #13  
Alt 18.04.2008, 22:18
Benutzerbild von Dinictis
Quaestor
 
Registriert seit: 22.06.2005
Ort: Leipzig
Beiträge: 172
Zitat von Nero Beitrag anzeigen
Wie steht's mit eigenen Gedichten? ^^
Eigene? Hier mal ein paar schon etwas ältere Tankas (japanische fünfzeilige Gedichte):

---------------------------------------------

Die Welt im Nebel
Lichterketten durchzogene,
Verschleierte Nacht.
Schweigende Straßen, glänzend
Vorüberziehen an mir.

---------------------------------------------

Der Duft des Regens
Liegt noch in der Luft, obschon
Er längst vorüber.
Dunkel die Wolken noch droh'n
Vom nächtgen Sommerhimmel.

---------------------------------------------

Auf meinen Lippen
Das Salz Deiner Tränen ich
Noch immer spüre.
Felsenschwer die Sehnsucht hier
Auf meinem Herzen lastet.
__________________
QVOD BONVM FAVSTVM FELIX FORTVNATVMQVE SIT

AMICVS CERTVS IN RE INCERTA CERNITVR
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  #14  
Alt 20.04.2008, 10:17
Thete
 
Registriert seit: 02.05.2007
Ort: Berlin
Beiträge: 701
Nero, nicht fragen, vormachen!

Aber wenn ich ehrlich bin: Ich liebe Gedichte und das Rezitieren derselben (also die schauspielerische Interpretation, nicht das "Aufsagen" mit auf dem Rücken verschränkten Armen). Dafür müssen die Werke aber gut sein; und die Gedichten, die in Schulzeiten oder auch im Bekanntenkreis selbst gedichtet wurden, sind das eher selten (konkret fällt mir nur eine Ausnahme ein). Es ist nicht jeder ein Goethe.

P.S.: Bitte nicht angesprochen fühlen, Dinictis; hab Deinen Beitrag gerade erst gesehen.

Geändert von Thersites (20.04.2008 um 10:20 Uhr). Grund: Grammatik
Mit Zitat antworten
  #15  
Alt 20.04.2008, 14:04
Benutzerbild von Dinictis
Quaestor
 
Registriert seit: 22.06.2005
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Beiträge: 172
Zitat von Thersites Beitrag anzeigen
Dafür müssen die Werke aber gut sein; und die Gedichten, die in Schulzeiten oder auch im Bekanntenkreis selbst gedichtet wurden, sind das eher selten (konkret fällt mir nur eine Ausnahme ein). Es ist nicht jeder ein Goethe.

P.S.: Bitte nicht angesprochen fühlen, Dinictis; hab Deinen Beitrag gerade erst gesehen.
Keine Angst. Das ich keine Meisterdichter bin, weiß ich selber. Und dass die da oben keine Meisterwerke sind, weiß ich auch... ;-)
__________________
QVOD BONVM FAVSTVM FELIX FORTVNATVMQVE SIT

AMICVS CERTVS IN RE INCERTA CERNITVR
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