Rückzug aus der Ausbildung droht
Wirtschaft beklagt hohe Zahl von abgebrochenen Lehren
In Deutschland bricht unverändert jeder fünfte Auszubildende seine Lehre ab, obwohl durch den Ausbildungspakt ein breiteres Angebot an Lehrstellen zur Verfügung steht. Die Bundesregierung verband mit dem Pakt auch die Hoffnung, die Quote der Abbrecher zu senken.
DÜSSELDORF. In Deutschland bricht unverändert jeder fünfte Auszubildende seine Lehre ab, obwohl durch den Ausbildungspakt ein breiteres Angebot an Lehrstellen zur Verfügung steht. Gewerkschaften und Handelskammern sind sich einig, dass das eines der Ergebnisse des Berufsbildungsberichts der Regierung sein wird, der am Mittwoch dem Kabinett vorgestellt wird. "Tatsächlich hat es seit dem Jahr 2000 nur einen leichten Rückgang bei den Ausbildungsabbrüchen gegeben", bestätigt auch ein Sprecher des Bundesbildungsministeriums dem Handelsblatt.
Die Bundesregierung verband mit dem Ausbildungspakt auch die Hoffnung, die Quote der Abbrecher zu senken. Mit 40 000 zusätzlich angebotenen Plätzen aus verschiedenen Sparten sollte für den einzelnen Lehrling die Aussicht besser sein, in einen von der Begabung her passenden Beruf einzusteigen. Diese Hoffnung hat sich bislang offenbar nicht erfüllt.
Aus Sicht des DGB-Berufsbildungsexperten Hermann Nehls ist trotz der zusätzlich geschaffenen Ausbildungsplätze eine größere Auswahl an Stellen aus verschiedenen Sparten nötig: "Wir brauchen ein auswahlfähiges Angebot für die Jugendlichen." Es sei wichtig, dass nicht nur in einzelnen Berufsfelder Lehrstellen entstehen, sondern in allen. "Schließlich haben die Jugendlichen auch unterschiedliche Bedürfnisse und Begabungen." Wer einen Beruf nur erlerne, weil er keine Wahl hatte, verliere schnell die Motivation.
Im März startete das Land Hessen daher eine Initiative im Rahmen des Ausbildungspakts: Um auch Abbrechern eine Perspektive zu bieten, will Wirtschaftsminister Alois Rhiel (CDU) Land, Kammern, Unternehmen und die Arbeitsagenturen in die Pflicht nehmen, ihnen einen neuen Platz oder zumindest ein Praktikum anzubieten. Rhiel lobte zwar, dass im letzten Quartal 2004 viele neue Stellen für Jugendliche ohne Ausbildungsplatz geschaffen wurden. "Parallel zu diesem Erfolg wurde eine unerfreulich hohe Anzahl an älteren Ausbildungsverträgen aufgelöst."
Ulrich Kunkel, Ausbildungsberater der IHK in der Region Stuttgart warnt auch vor den Konsequenzen, die Unternehmen aus den Lehr-Abbrüchen ziehen könnten: "Wenn die Betriebe schlechte Erfahrungen machen, ziehen sie sich unter Umständen zurück." Ausbildungsberater der IHK wie Kunkel helfen Unternehmen dabei, die Ausbildung zu organisieren. Zu ihren Aufgaben zählt es aber auch, zwischen Betrieben und Lehrlingen zu schlichten, wenn es zu Problemen kommt. Sie vermitteln auch Lehrlinge, die abgebrochen haben. an neue Ausbildungsbetriebe.
Ein bis zwei mal pro Woche hat es Berater Kunkel mit solchen Fällen zu tun. Die Abbrecher senden ein schlechtes Signal an die Unternehmen, sagte er: "Die Firmen investieren, ohne davon zu profitieren." Schließlich hätten Betriebe häufig den Wunsch, ihre Azubis zu übernehmen. Kunkel beobachtet auch, dass Unternehmen Ausbildungsplätze, die nach einem Abbruch verwaist sind, nicht mehr besetzen.
Am häufigsten schmeißen Lehrlinge ihren Job wegen Problemen und sozialen Spannungen im Betrieb - zum Beispiel nach einem Streit mit dem Chef. Auch Allergien, Betriebspleiten oder Schwangerschaften können der Anlass sein. Experten sind sicher, dass die Hälfte der Abbrecher eine neue Ausbildung beginnt und der Wirtschaft nicht verloren geht. Doch für den Rest sieht die Zukunft ziemlich düster aus, heißt es aus dem Bundesbildungsministerium: Wer zum Schluss ganz ohne Ausbildung da stehe, habe hinterher "unglaublich schlechte Chancen" auf dem Arbeitsmarkt.
Vertreter der Kammern sehen die Gründe, warum Ausbildungen abgebrochen werden, häufig bei den Jugendlichen. Nach Ansicht von Anja Nußbaum, Bereichsleiterin Bildungspolitik der IHK Berlin, machten sich viele ein falsches Bild von ihrem Wunschberuf. Erst in der Ausbildung erkennen sie die Realität: "Berufe mit Schichtdiensten werden besonders häufig abgebrochen." Um dies zu vermeiden, empfiehlt Nußbaum Jugendlichen vor einer Ausbildung Praktika zu machen. DGB-Berufsbildungsexperte Nehls fordert: "Jugendliche müssen während der Schulzeit besser auf das Berufsleben vorbereitet werden."
Besonders häufig brechen die Jugendlichen laut Nehls in kleinen und mittelgroßen Betrieben ab. Lehrlinge können dort nicht in andere Abteilungen wechseln, wenn es zu Problemen mit den Ausbildern kommt. Zudem sind Mittelständler häufiger von Pleiten betroffen. Wegen der geringeren Betriebsgrößen liegt die Abbrecherquote auch im Handwerk höher als in Industrie und Handel. Deshalb sieht Nehls Handlungsbedarf zuerst in den kleineren Betrieben: "Wir sehen die Qualifikation von Ausbildern als Hauptproblem." Der DGB bietet Auszubildenden deshalb die Onlineberatung "Doktor Azubi" mit kompetenten Ansprechpartnern an.
Quelle
Wo es doch schon kaum Arbeit und Lehrstellen gibt, brechen manche die Lehre einfach ab, ich verstehe sowas nicht!
Gruss aus Wien