Login
|
|
|
Forenübersicht
|
|
|
|
 |

04.01.2008, 13:06
|
 |
Demokrat
|
|
Registriert seit: 08.06.2005
Ort: Zürich, Schweiz
Beiträge: 329
|
|
|
Agincourt 1415; eine mittelalterliche Schlacht 1
Ich mute euch mal wieder einen längeren Text zu. Es handelt sich um eine Nacherzählung der Schlacht von Agincourt 1415, bei der ein englisches Heer unter Heinrich V. einen wegweisenden Sieg über ein französisches Ritterheer errang. Viel Spass und seit tolerant, wenn zugunsten der Dramaturgie nicht alles drin ist, was historisch eigentlich rein sollte.
Agincourt – eine mittelalterliche Schlacht
Von Kriegsknecht
Oktober 1415, Nordfrankreich: Die englische Armee, die sich auf der verzweifelten Suche nach einer unbewachten Furt der Somme entlang quält, bietet einen erbärmlichen Anblick. Mit stumpfem Blick stapfen die von den Franzosen so gefürchteten und verhassten Langbogenschützen über vom Regen aufgeweichte Böden. Hunger, Müdigkeit und Krankheit zeichnen die Soldaten. In diesen Tagen kennen die Engländer nur noch ein Ziel: Calais. Die englische Bastion im Norden verspricht Sicherheit vor den ständigen Nadelstichen der französischen Soldaten. Calais ist das Tor zur Heimat.
Dabei hatte alles so verheissungsvoll begonnen. Im August 1415 war der englische König Heinrich V. in Harfleur, mitten in der Normandie gelandet. Der ehrgeizige Regent war zu diesem Zeitpunkt erst zwei Jahre im Amt. Als Spross des Hauses Anjou-Plantagenet verlor er allerdings keine Zeit, die alte Blutfehde zu den Franzosen wieder aufflammen zu lassen. Heinrich beansprucht die französische Krone ganz in der Tradition seiner Vorväter – alles andere ist für ihn inakzeptabel.
Heinrich V. hatte für seinen Feldzug ein professionelles Heer von erfahrenen, von ihm direkt bezahlten, gut ausgerüsteten und ergebenen Soldaten angeworben. Kein Vergleich also zu den feudalen Heeren der Franzosen mit ihren hitzköpfigen und disziplinlosen Rittern und dem wankelmütigen Lumpenpack, welches sich Infanterie nennt. Heinrichs Heer war schlagkräftig, die Aussichten des Feldzugs vielversprechend. Dies vor allem auch deshalb, weil auf französischer Seite weit und breit kein ernstzunehmender Widersacher auszumachen war. König Karl VI ist geisteskrank. Seine Reichsverweser, die Herzöge von Burgund, Orléans und Valois bekämpfen sich in ihrer Kleingeistigkeit gegenseitig.
Harfleur
Doch dann kam Harfleur. Was eine einfache und schnelle Eroberung hätte werden sollen, entwickelte sich zur Tortur. Wochenlang lieferten sich die Engländer blutige Scharmützel mit der französischen Garnison, welche das Städtchen verbissen verteidigte. Heinrich bekam immer wieder Tobsuchtsanfälle angesichts der unbefriedigenden Situation. Wegen ihrer Zerstrittenheit hatten die französischen Herzöge kein grösseres Heer nach Harfleur geschickt; dennoch fiel die Stadt erst am 22. September.
Nach der Eroberung drängte Heinrich zur Eile. Er schickte die Verwundeten mitsamt der Kriegsbeute auf Schiffen zurück nach England. Mit den verbliebenen Truppen setzte er sich auf dem Landweg nach Calais in Bewegung. Im flachen Marschland des Pay de Caux, einem idealen Nährboden für Krankheiten, wurden die Engländer im Oktober von der Ruhr heimgesucht. Heinrich verlor Tag für Tag Soldaten. Hinzu kamen weitere Hiobsbotschaften. Nach dem Fall Harfleurs war es in den französischen Provinzen zu einer Mobilmachung gekommen. Das alleine wäre noch zu verkraften gewesen, da Heinrich wusste, wie chaotisch französische Generalmobilmachungen in der Regel endeten. Meist plünderten die aufgestellten Heeresverbände ihr eigenes Land.
Doch dummerweise lief es diesmal anders ab. Der königliche Stallmeister Charles I. d’Albret, ein junger Ritter, kommandiert das französische Heer. Im Wissen um die tödliche Feindschaft, die vor allem zwischen den Herzögen von Orléans und Burgund herrscht, hat der junge Stallmeister schlichtweg auf eine der beiden Parteien verzichtet: Johann Ohnefurcht von Burgund nimmt nicht am Feldzug teil.
Charles I. d’Albret ist clever. Er kennt die Stärke und Wirkung der englischen Bogenschützen. So tut er alles, um die Konfrontation so lange wie möglich hinauszuzögern – ganz zum Missfallen der französischen Lances, also der adligen Ritterschaft. Die Lances, allen voran der Herzog von Alençon, sind begierig darauf, im Kampf Ruhm und Ehre zu erlangen. Als sie hören, in welchem Zustand das englische Heer sich befindet und dass es darüber hinaus noch viel kleiner ist als das französische, sind sie kaum noch zu bändigen.
Agincourt
Die Engländer finden schliesslich eine Brücke über die Somme. Sie ist unbewacht. Ende Oktober 1415 überqueren sie den Fluss und marschieren nordwärts, Richtung Calais. Als sie sich dem Ort Agincourt nähern, kommt plötzlich Aufregung auf. Späher berichten von einem grossen französischen Heer, welches sich ganz in der Nähe befindet. Heinrich verfügt zu diesem Zeitpunkt noch über knapp 6000 Soldaten, davon 5000 Bogenschützen und nur sehr wenig Kavallerie. Als er schliesslich die französischen Truppen in ihrer Stellung zum ersten Mal selber sieht, wird ihm seine nominelle Unterlegenheit schmerzhaft bewusst. Das französische Heer ist mindestens doppelt so gross wie sein eigenes. Und die Franzosen verfügen über Panzerreiter – viele Panzerreiter. Die Banner und Wappen der Herzöge und ihrer Kontingente sind schon von weitem her sichtbar, genauso wie das blitzen und glänzen der schweren Rüstungen und tödlichen Waffen aus Eisen. Die Lances sind die militärische Elite der damaligen Zeit: Sie sind vollständig in schützende Eisenplatten gehüllt. Auf dem Haupt tragen sie den klassischen Helm der damaligen Zeit, den Bascinet. Manche ergänzen den Helm mit einem markanten Hundsschädel-Visier. Lanzen, Schwerter und Schilder dienen ihnen als Waffen.
Doch die furchterregende Erscheinung der Lances vermag die englischen Bogenschützen kaum mehr aus der Fassung zu bringen. Sie kennen die Stärken der Ritter – aber sie kennen auch deren Schwächen. Ihre Disziplinlosigkeit beispielsweise. Und die Langbogenschützen wissen auch, wo die Schwachstellen der schweren Rüstung liegen: Bei Visier, Leiste und Achseln. Und natürlich beim Reittier.
Die Engländer nehmen eine defensive Position ein. Heinrich V. weist sein Heer in eine Formation ein, welche den Männern von der Insel schon zuvor Siege gegen die Ritter eingebracht hat. In der Mitte konzentriert sich das Fussvolk sowie die wenigen Berittenen. An den Flanken beziehen die Langbogenschützen Stellung. Sie rammen angespitzte Pfähle in den Boden – ein bewährtes und effektives Mittel um den Schwung von Kavallerieattacken zu bremsen. Die Schützen legen ihre Ausrüstung zurecht. Der fast zwei Meter lange Langbogen mit seiner Zugkraft von bis zu 85 Kilogramm ist die vielleicht gefährlichste Fernkampfwaffe ihrer Zeit. Bis zu 400 Meter weit kann damit geschossen werden. Die Langbogenschützen tragen jeweils etwa 50 Pfeile bei sich, die eine schmale Eisenspitze haben. Ideal, um jedwelche Panzerung zu durchschlagen.
Ende Teil 1
__________________
Man vergißt vielleicht, wo man die Friedenspfeife vergraben hat. Aber man vergißt niemals, wo das Beil liegt. Mark Twain, 30.11.1835 bis 21.04.1910
Geändert von Kriegsknecht (06.01.2008 um 12:57 Uhr)
|

04.01.2008, 13:07
|
 |
Demokrat
|
|
Registriert seit: 08.06.2005
Ort: Zürich, Schweiz
Beiträge: 329
|
|
|
Teil 2
Die Schlacht
Am 25, Oktober 1415, dem Tag des heiligen Crispian, stehen sich die beiden Heere gegenüber. Heinrich V. fordert seine Soldaten zum Gebet auf. Die Priester halten Messen ab. Die englischen Langbogenschützen knien sich in ihren Stellungen ein letztes Mal nieder: Sie machen ein Kreuz auf den Boden und küssen es. Auch auf französischer Seite wird Gott um Unterstützung in der Schlacht gebeten. Das Töten kann beginnen.
Heinrich V. hofft auch dieses Mal auf die Hitzköpfigkeit der französischen Lances. Und er wird nicht enttäuscht. Gedrängt vom Herzog von Alençon scheren viele Ritter viel zu früh aus ihren Formationen aus. Der Stallmeister Charles I. d’Albret muss mitansehen, wie die Ritter sich vor die eigentliche Kampflinie begeben. Die Genueser Armbrustschützen und Bogenschützen im französischen Heer – eigentlich speziell dazu angeheuert, die englischen Bogenschützen zu beschäftigen – werden praktisch nutzlos. Sie stehen nun hinter der eigenen Kavallerie und können selber nicht effektiv gegen die englischen Stellungen vorrücken. Der aufgeweichte Boden tut sein übriges. Nur quälend langsam kommen die Pferde im morastigen Untergrund voran.
Die Ritter kommen rasch in Reichweite der Langbogenschützen. Auf englischer Seite erklingt der Befehl zum spannen der Bögen. 5000 Langbogenschützen legen Pfeile auf die Sehnen und zielen in hohem Winkel gen Himmel. Die hohe Flugbahn ist bewusst gewählt, da die Pfeile den Gegnern dadurch fast senkrecht auf die Köpfe fallen. Die Langbogenschützen schicken ihre tödliche Fracht auf Reisen. Die Franzosen sehen, wie sich eine schwarze Wand aus Pfeilen auf sie zubewegt. Am schlimmsten ist das Geräusch: Die Pfeile drehen sich im Flug, und der Wind, der über die Flügel streicht, erzeugt ein unüberhörbares Pfeifen. Die Lances senken bei diesem Geräusch fast automatisch die Köpfe und ziehen die Schultern ein. Dies in der Hoffnung, dass sich die Rüstungsplatten weitmöglichst überlappen.
Ein letzter Moment des Lebens. Dann schlagen die Geschosse ein. Die Wirkung ist verheerend. Tausende von Pfeilen durchbohren die zu weit vorgerückten Franzosen. Viele Männer werden im Gesicht getroffen, manche durch die englischen Pfeile regelrecht an ihre Pferde genagelt. Am schlimmsten trifft es die Pferde. Sie sind praktisch ungeschützt. Schon nach kurzer Zeit ist der sumpfige Grund getränkt vom Blut von Tier und Mensch. Einige Lances liegen eingeklemmt unter ihren verwundeten Tieren, andere versuchen, dem Gemetzel auszuweichen und kollidieren dabei mit ihren Waffenbrüdern. Von hinten rücken zusätzlich weitere Ritter heran. Und der Geschosshagel hört nicht auf. 10 Pfeile verschiesst ein englischer Langbogenschütze in einer Minute. Das sind an diesem Tag 50000 Geschosse in 60 Sekunden.
Es ist ein blutiger Tag für den französischen Adel. Alleine in den ersten zwei Stunden der Schlacht sterben 5000 Ritter. Darunter drei Herzöge, fünf Grafen und 90 Barone. Die Linien der Franzosen sind praktisch aufgehoben. Alles drängt sich in die Mitte und versucht, gegen die englische Stellung anzurennen. Die Lances bewegen sich wie Furien auf dem Feld und reiten dabei teilweise ihr eigenes Fussvolk nieder.
Zwar gelingt es den Franzosen schliesslich, mit den Engländern in den Nahkampf zu kommen. Doch die Wucht des Kavallerieangriffs ist verpufft. Zudem werden die Franzosen jetzt in die Zange genommen. Die Langbogenschützen an den Flanken haben ihre Bögen abgelegt und attackieren ihre Gegner aus dem Schutz des Walls aus Pfählen heraus mit Schwertern. Im Handgemenge sind die Ritter ihrer grössten Stärken beraubt. Wie bei einer Bullenhatz, wo eine Vielzahl kleinerer Tiere ein grosses bis zur Ermattung jagt, werden die Lances niedergerungen. Mann für Mann. Nun steigen zwar auch auf englischer Seite die Verluste. Doch diese Schlacht können sie nicht mehr verlieren. Schliesslich kommt der französische Angriff zum erliegen. Wer nicht schon längst geflohen, tot oder verwundet ist, zieht sich entgültig zurück.
Die Folgen
Der Blutzoll auf französischer Seite ist schrecklich. 10000 Tote sind zu beklagen. Praktisch alles, was Rang und Namen hat, ist tot: Nicht nur der hitzköpfige Herzog von Alençon, sondern auch der verheissungsvolle Stallmeister Charles I. D’Albret. Der Herzog von Orléans gerät in englische Gefangenschaft. Er ist einer der wenigen, der sie überleben wird. Die Engländer zeigen sich wenig zimperlich mit ihren Gefangenen. Die meisten Franzosen – auch die Adligen – werden totgeschlagen. Die englischen Ritter überlassen dieses unrühmliche und gegen den Kodex verstossende Handwerk der einfachen Soldateska. Doch es geschieht aus Kalkül. Die Gefangenen hätten das ohnehin geschwächte englische Heer nur behindert.
Die Engländer verlieren an diesem Tag weniger als 2000 Mann.
Agincourt ist ein Sieg auf ganzer Linie mit weitreichenden Folgen. Die französischen Herzöge werden militärisch so nachhaltig geschlagen, dass Heinrich V. in der Folge praktisch alle seine Ziele in Frankreich erreicht. Nicht nur dass die Burgunder nach Agincourt zu den Engländern überlaufen – mit dem Vertrag von Troyes 1420 gelingt Heinrich schliesslich die entgültige Demütigung seiner französischen Widersacher. Er heiratet Katharina von Valois und machte sich so zum Nachfolger des französischen Königs Karl IV.
Seine Vorväter wären stolz auf ihn gewesen!
Quellen: Die Armeen des 100-jährigen Krieges (Nicolle, Knight. McBride, Turner), Krieg im Mittelalter (Prietzel), Wikipedia.
__________________
Man vergißt vielleicht, wo man die Friedenspfeife vergraben hat. Aber man vergißt niemals, wo das Beil liegt. Mark Twain, 30.11.1835 bis 21.04.1910
Geändert von Kriegsknecht (05.01.2008 um 12:06 Uhr)
|
 |
|
Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1)
|
|
|
Forumregeln
|
Es ist dir nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
Es ist dir nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
Es ist dir nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
Es ist dir nicht erlaubt, deine Beiträge zu bearbeiten.
HTML-Code ist aus.
|
|
|
|
Letzte Themen
|
Labyrinth des Horus
|
Die Leibstandarte...
Views: 468,
Antworten: 28
|
Gab es das Drittes...
Views: 401,
Antworten: 13
|
Legitimation für...
Views: 233,
Antworten: 19
|
Römische Könige 2.0
Views: 821,
Antworten: 20
|
Das Ende des HRR
Views: 414,
Antworten: 11
|
Forum für...
|
Geschichtswettbewerb
|
Päderastie
Views: 500,
Antworten: 19
|
Sklaverei und ihr...
Views: 269,
Antworten: 10
|
amerikanischer...
Views: 653,
Antworten: 26
|
Woran glaubt gott?
Views: 228,
Antworten: 12
|
Sind die Vinca...
|
FDP und LDPD
|
Was waren...
Views: 415,
Antworten: 21
|
|
|
Letzte Links
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|