17.05.2008 - 07:15
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  #1  
Alt 24.04.2008, 21:17
Benutzerbild von Wulfnoth
The Censor
 
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Beeinflussung des mittelalterlichen Kampfsystemes durch Wikinger/Normannen

Die Frage kam mir gerade beim Lesen dieses Beitrags von Kriegsknecht:
http://www.historik-forum.org/forum/...html#post60106

Die Wikinger und speziell eben jene Normannen, die das Gebiet um Rouen (die spätere Normandie) vom Frankenherrscher als Lehen erhielten waren keine besonderen Reiterkrieger. Ich habe zwar mal gelesen, dass sie vereinzelt Pferde auf ihren Schiffen mitführten aber in der Regel waren sie gefürchtete Fußkämpfer.
Damit unterschieden sie sich ja erheblich von den Franken, die bereits seit Karl Martell begannen eine schwere Reiterei aufzustellen, was dann eben auch zur Zeit der Inbesitznahme der Normandie zu einem vorläufigen Höhepunkt kam. Jedenfalls hatte das Ostfrankenreich zu diesem Zeitpunkt im Kampf gegen die Magyaren eine recht gute Reiterei herausgebildet.

Beeinflussten die Normannen das frühmittelalterliche Kriegsgeschehen elementar oder übernahmen sie recht schnell die gängigen Kriegsmethoden?
Nahm durch sie eventuell die Bedeutung des Einzelkriegers weiter zu oder war dieser Prozess bereits vorher weitestgehend abgeschlossen?
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  #2  
Alt 24.04.2008, 21:43
Benutzerbild von Kriegsknecht
Demokrat
 
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Spannende Frage.

Militärsoziologen glauben, jedes System militärischer Organisation drücke die gesellschaftliche Ordnung aus, der es entspringt. Das gelte auch dann, wenn eine fremde Militärmacht sich die Mehrheit der Bevölkerung untertan mache, oder eine andere Gesellschaft durch dauerhafte Kriegszüge beeinflusse (siehe bsp. Stanislaw Andreskis "militärische Verhältnisgleichung" MPR).

Vielleicht interpretiere ich es falsch. Aber eigentlich liegt darin bereits die Antwort auf diese Frage. Was waren denn die Normannen ursprünglich? Sie waren Wikinger, Angehörige eines nordischen Kriegervolkes, das in Europa während Jahrhunderten Angst und Schrecken verbreitete. Die kriegerische Philosophie der Wikinger war im Prinzip also die selbe, wie jene der Normannen. Sie kämpften Mann gegen Mann, suchten unausweichlich die Entscheidung. Sieg oder Walhalla.

Dass die Wikinger Europa massgeblich geprägt haben - auch militärisch - ist wohl unbestritten.

Die Frage, ob der Einzelkrieger wegen der Normannen eine grössere Bedeutung erlangte, ist schwer zu beantworten. Die fränkischen Panzerreiter gab es bereits bevor die Normannen 911 ihr Lehen in der Normandie erhielten. Allerdings: Der Aufstieg dieser berittenen Kriegerkaste kam nicht zuletzt auch deshalb zustande, weil sich die mitteleuropäischen Völker gegen die dauernden Angriffe von aussen - unter anderem durch die Wikinger - wehren mussten.

Man kann meiner Ansicht nach demnach durchaus so argumentieren: Die Völker Mittel- und Westeuropas "lernten" den Kampf Mann gegen Mann erst notgedrungen gegen die Wikinger und deren direkte Nachfahren, die Normannen. Dass die Wikinger mit ihrer Kriegsphilosophie auf die Gesellschaften Europas abfärbten, halte ich für sehr wahrscheinlich. Die Kontinental-Europäer mussten sich notgedrungen auf die gnadenlose Herausforderung durch die nordischen Plünderer einlassen, um ihnen die Stirn zu bieten.
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Man vergißt vielleicht, wo man die Friedenspfeife vergraben hat. Aber man vergißt niemals, wo das Beil liegt. Mark Twain, 30.11.1835 bis 21.04.1910

Geändert von Kriegsknecht (24.04.2008 um 21:45 Uhr).
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  #3  
Alt 24.04.2008, 23:32
Benutzerbild von TigerMC
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interessant ist doch das der normannische adel, sehr schnell vom fussfighter zum ritter umgesattelt ist. also kann man meines erachtens hier wirklich von gegenseitiger befruchtung sprechen, der miteleuropäer musste rauher werden im einzelkampf und der nordmann lernte den wert der schweren kav kennen (wobei bei hastings zb waren relativ wenig ritter dabei, und das obwohl die normannen der normandie ja schon recht lange die kamptaktik der franken kannten, lag wohl eher an den transportschwierigkeiten)

Geändert von TigerMC (24.04.2008 um 23:36 Uhr).
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  #4  
Alt 24.04.2008, 23:34
Benutzerbild von Jason
Hoplit
 
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Normannen – Wikipedia

Beeindruckende Persönlichkeiten waren diese Normannen auf alle Fälle. Was mir in ihrer Geschichte immer wieder auffällt ist dieser Zusammenhalt in der Sippe. Im Wandteppich von Bayeux sind ja ihre Panzerung und Kriegstechniken auf sehr originelle Art beschrieben.
In Süditalien errangen sie innerhalb kürzester Zeit die Oberhand über alle Gebiete.
Zeugnis ihres Wirkens bleiben die berühmten sizilianischen Marionetten sowie die Literatur:

Er sieht in Balduin die Begierde lauern
Nach allem, was zur Erdengröß' erhebt;
Und wie Tankred, versenkt in tiefes Trauern
Durch Liesbeswahn, nur wider Willen lebt;
Wie Bohemund in Antiochiens Mauern
Sein neues Reich fest zu begründen strebt,
Gesetz' und Sitten einführt, und Belehrung
In Künsten gibt und wahrer Gottverehrung;
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Wir lassen euch leben im Dienste dieses Schiffes - also rudert gut. Und lebt!

Quintus Arius aus "Ben Hur"
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  #5  
Alt 25.04.2008, 00:06
Benutzerbild von Kriegsknecht
Demokrat
 
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Wobei speziell Hastings ja eigentlich ein Beispiel dafür ist, dass sich die Normannen eher den kontinentalen Bedingungen anpassten, als umgekehrt. Wilhelm der Eroberer setzte mit rund 7000 Mann und 2000 bis 3000 Pferden über den Kanal.

In der Schlacht trafen die Normannen schliesslich auf einen Feind, der zum überwiegenden Teil auf Infanterie setzte. Die Fyrdmen und Huscarle König Haralds, die sich während der Entscheidungsschlacht auf dem Hügel bei Hastings im angelsächsischen Schildwall sammelten, hätten den modernen Betrachter wohl wesentlich stärker an die Wikingerzeit erinnert, als Wilhelms vergleichsweise moderne Truppenaufteilung.

Die adlige Normannische Reiterei reklamierte den Sieg nach der Schlacht für sich, was aber nicht unbedingt als entgültige Wahrheit angesehen werden muss. Alles andere als positive Propaganda zu Gunsten des Adels wäre ja auch unlogisch gewesen. Im Aufgebot der Normannen kämpften jedoch auch schwere Infanteristen, die meines Wissens sogar das Zentrum der Angriffslinie bildeten.
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  #6  
Alt 25.04.2008, 06:29
Benutzerbild von Wulfnoth
The Censor
 
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Zitat von Kriegsknecht Beitrag anzeigen
Die adlige Normannische Reiterei reklamierte den Sieg nach der Schlacht für sich, was aber nicht unbedingt als entgültige Wahrheit angesehen werden muss. Alles andere als positive Propaganda zu Gunsten des Adels wäre ja auch unlogisch gewesen. Im Aufgebot der Normannen kämpften jedoch auch schwere Infanteristen, die meines Wissens sogar das Zentrum der Angriffslinie bildeten.
Dürfte logisch sein, denn im 11. Jahrhundert waren die Ritter noch nicht so schwer gepanzert wie zu späterer Zeit. Einen Frontalangriff auf ein gepackt stehendes Fußvolk auf einer Anhöhe hätte kein Feldherr gewagt, wenn er sich nicht in der absoluten Übermacht gesehen hätte. Der Fyrd war zwar ein Wehrpflichtigenheer, hatte aber vorher bereits gegen den norwegischen Herrscher erfolgreich gekämpft.
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  #7  
Alt 25.04.2008, 08:24
Benutzerbild von Draconarius
Historiddler
 
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Beiträge: 731
Zitat von Wulfnoth Beitrag anzeigen
Der Fyrd war zwar ein Wehrpflichtigenheer, hatte aber vorher bereits gegen den norwegischen Herrscher erfolgreich gekämpft.
Und vor dem Fyrd standen ja noch die Huskarle und die Thegns, die durchaus gut gepanzert und gute Kämpfer waren, nach der Niederlage zu Teilen ja in die Varägergarde des byzantinischen Kaisers wechselten.


Es gab also auch andere gute Kämpfer, die Normannen bildeten hier keine Ausnahme. Einen Vorteil bei ihnen bildete möglicherweise die Jahrhunderte des Kampfes zuvor, allerdings hatten sie diese ja auch ihren Gegnern aufgedrückt, so dass man das wohl nicht ausschließlich gelten lassen kann. Davon sprechen, dass eine Seite rauer etc. werden muss, würde ich aber nicht. Es hatte sich ja auch bei den Franken und andern Völkern eine Kriegerkaste ausgebildet. Vllt. muss man sogar eher davon sprechen, dass die Normannen rauer werden mussten, indem sie den Kriegsstil des Festlands übernahmen, da ihr eigener seine Grenzen aufgezeigt bekam.

Widersprechen würde ich aber auf jeden Fall dem Begriff "Einzelkampf/Einzelkämpfer", der wohl keineswegs der Realität entspricht. Gerade die Wikinger zeichneten sich soweit mir bekannt ist auch dadurch aus, dass sie in soetwas wie in einer Formation kämpften.
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μηδὲν ἄγαν
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  #8  
Alt 25.04.2008, 08:50
Thete
 
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Ich sehe keine Beeiflußung speziell durch die Wikinger; diese kämpften wie alle anderen Heere in Vlkerwanderung/Frühmittelalter, und sie gebrauchten praktisch keine Pferde im Kampf (anders zum Transport), was wohl das Richtungsweisende dieser Epoche war.

Anders sieht das im maritimen Bereich aus, aber das war nicht die Frage.

EDIT: Zu Hastings: Die Normannen hatten die die fränkische Kultur übernommen; sie werden mWn in den Quellen "franci" genannt und haben militärisch nichts mehr mit den Skandinaviern gemein. Die Angeln hatten eine Reiterei, die der frnkischen nicht unähnlich war (ev. kleiner), aber wahrscheinlich bei Stamford Bridge dezimiert wurde und daher keine Rolle mehr spielte.

Geändert von Thersites (25.04.2008 um 08:52 Uhr).
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  #9  
Alt 25.04.2008, 18:11
Benutzerbild von Jason
Hoplit
 
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Ort: Durmersheim bei Karlsruhe
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Die normannische Reiterei scheint eine der stärksten des Mittelalters gewesen zu sein. De facto konnten wenige normannische Reiter sogar gegen große Heere siegen. Dies wird aus verschiedenen historischen Quellen dokumentiert.
Dabei vermieden diese Reiter den "frontalen Zusammenstoß" nach Möglichkeit, da sie dabei auch den Verlust des Pferdes riskierten.
Malaterra, ein Süditalienischer Chronist schreibt:
"primo timore simulato, cum eos longius ab urbe seduxisset, impetu facto, acerrime super eos irruens, in fugam vertit"
-also, erst Angst simulieren um den Gegner in die Falle zu locken, dann zuschlagen - wenn ich das richtig übersetze.
Die modernen Historiker sind sich auf alle Fälle einig, daß diese Leute über eine brillante Kriegstaktik verfügten und sehr flexibel in ihrer kriegsführung waren.
Und alleine durch die Reiterei haben sie nur wenige Schlachten gewonnen, vielmehr harmonierten sie mit Bogen und Armbrustschützen, Infanterie, Artillerie und Pionieren.
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Quintus Arius aus "Ben Hur"
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  #10  
Alt 25.04.2008, 18:20
Benutzerbild von Jason
Hoplit
 
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Hastings

hastings.jpg

Hier eine Darstellung der Schlacht bei Hastings und des Terrains, das eigentlich zu Gunsten der Angelsachsen war (die normannische Reiterei griff hügelaufwärts an).
Die Schlacht wird in verschiedenen Phasen aufgeteilt.

Hier, Exklusiv für das HF, DIE SCHLACHT, animiert in Farbe und Dolby Surround!! Original!

YouTube - Bayeux Tapestry
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Quintus Arius aus "Ben Hur"

Geändert von Jason (25.04.2008 um 21:17 Uhr).
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