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25.07.2008, 13:43
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Demokrat
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Die Litauerkriege des Deutschen Ordens
Momentan lese ich viel über den Deutschen Orden und speziell über dessen Litauerkriege. In diesem Zusammenhang würde ich gerne hier mit euch den einen oder anderen Aspekt diskutieren.
Im Wesentlichen kann man die Phase zwischen dem Beginn des 14. Jahrhunderts und dem Jahr 1410, in welchem die Ritter des Deutschen Ordens in der Schlacht bei Tannenberg von einem Litauisch-Polnischen Heer besiegt wurden, als Epoche der Litauerkriege bezeichnen. Die kriegerischen Auseinandersetzungen dauerten also über 100 Jahre an.
Der Konflikt begann jedoch logischerweise nicht von heute auf morgen. Im Verlauf des 13. Jahrhunderts dehnte der Deutsche Orden seine territoriale Macht im Baltikum aus. Zum ursprünglichen Kerngebiet Preussen, welches der Orden bereits erfolgeich militärisch unterworfen und zumindest oberflächlich christianisiert hatte, kamen 1237 als Folge der Vereinigung mit dem Schwertbrüderorden weite Teile Livlands (heutiges Lettland) zum Machtbereich hinzu.
Über die komplexe Organisation des Ordens möchte ich hier nicht allzu viele Worte verlieren. Die Ordensritter kämpften und agierten aber vereinfacht gesagt in der Tradition des mitteleuropäischen Kreuzzugsgedankens. Allerdings waren sie organisatorisch wie auch hinsichtlich ihres machtpolitischen Gebärdens bereits von den ursprünglichen Idealen und Vorstellungen der Kreuzzüge des 11. und 12. Jahrhunderts abgewichen. Der Orden legitimierte sein Vorgehen im Baltikum nach aussen hin in der Absicht, die Heiden zum rechten Glauben zu bekehren und das Christentum zu verbreiten. Es gesellten sich zu den religiösen jedoch auch politische Motive hinzu. Besonders deutlich wird dies in den letzten Jahrzehnten vor der entscheidenden Schlacht bei Tannenberg und dem einsetzenden Untergangs des Ordensstaates.
Für den Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen mit den heidnischen Stämmen Litauens werden in der Geschichtsschreibungen zwei wesentliche Aspekte verantwortlich gemacht:
- Immer wieder stattfindende Einfälle und Verheerungen von Litauischer Reiterei ins Ordensgebiet, speziell nach Livland; von diesem Gesichtspunkt her kann man den durchaus als kriegerisch zu bezeichnenden Litauern also im gewissen Sinne eine Mitschuld am Krieg mit dem Orden geben.
- Die beiden Kernräume des Ordens (Preussen und Livland), waren um 1300 räumlich voneinander getrennt. Diese Situation war aus strategischen Gründen äusserst heikel. Die räumliche Trennung erschwerte dem Orden einerseits die Verteidigung, andererseits auch die Erweiterung seines Territoriums. So gesehen ist es nicht weiter verwunderlich, dass der Orden seine Kriegsbemühungen auf die Region Samaiten – also jene Region zwischen Preussen und Livland – konzentrierte. Man kann also die These vertreten, dass der Orden nicht primär gegen die Litauer ins Feld zog, weil diese besonders "üble Heiden" waren. Vielmehr waren die Litauer in den strategischen Überlegungen des Ordens einfach ein Dorn im Fleische.
In den Kriegshandlungen zwischen dem Orden und den Litauischen Stämmen lässt sich über weite Strecken kein eindeutiger Dominator erkennen. Der Orden stiess entlang der Flüsse nach Samaiten vor, im unwegsamen Waldland waren die Erfolge gering. Die Taktik des Ordens beschränkte sich vor allem auf die Zerstörung und Verheerung vorgefundener, schlecht gesicherter Litauersiedlungen. Offene Kampfhandlungen gab es eher selten, weil die Litauer clever genug waren, den zahlenmässig und rüstungstechnisch überlegenen Odensrittern, die zusätzlich noch durch Kreuzzugsteilnehmer aus anderen Teilen Europas unterstützt wurden, aus dem Weg zu gehen.
Die Litauer zogen sich bei Annäherung von starken Ordensheeren oftmals in Trotzburgen – befestigte Siedlungen – zurück, und sassen die Anwesenheit der Ordensritter aus. Da der Orden speziell im Landesinneren Belagerungen nicht sehr lange aufrecht erhalten konnte, ging diese Taktik häufig auf. Trotzdem kam es speziell im Umkreis dieser Trotzburgen immer wieder zu blutigen Kämpfen.
Ihrerseits unternahmen die Litauer Raids bis weit ins Gebiet des Ordens hinein. Was die Ordensritter an Kampfkraft besassen, ging ihnen an Geschwindigkeit ab; die flexiblen und leicht gerüsteten Litauer griffen an und zogen sich in den meisten Fällen rasch wieder in die Wälder zurück, ohne dass die Ordensritter viele von ihnen erwischen konnten.
Aufgrund des eher "nichtlinearen" Charakters dieses Krieges gingen beide Seiten mit grosser Brutalität gegeneinander vor (was eigentlich typisch ist für derartige Konflikte). Speziell in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts muss man deshalb eigentlich eher von gegenseitigen Verwüstungskampagnen, statt von einem eigentlichen Krieg sprechen. Ganze Landstriche wurden damals aus strategischen Gründen unbewohnbar gemacht.
Aufgebrochen wurde diese Pattsituation gegen Ende des 14. Jahrhunderts. 1377 starb der Litauische Grossfürst Algirdas. Unter seinen Söhnen brauch ein Machtkampf aus. Hier offenbarte sich, dass die Religion in diesem Konflikt kaum mehr eine tragende Rolle spielte, denn manche Thronanwärter machten gar dem Orden Avancen; sie boten den Übertritt zum Christentum an und forderten im Gegenzug militärische Hilfe. Auf litauischer Seite ging es also offenkundig um Macht und nicht mehr um die Bewahrung der alten religiösen Traditionen. Doch auch der Orden agierte mit politischem Kalkül – so bot er Jogaila, einem der Erben Algirdas, seine Unterstützung an, fiel jedoch wieder von ihm ab, als dieser offensichtlich zu mächtig wurde. Jogailas Aufstieg besiegelte aber in gewissem Sinne das Schicksal des Ordensstaates. 1386 heiratete er Hedwig I von Polen. Somit entstand die Personalunion Polen-Litauen. Jogaila trat zum Katholizismus über. Interessant ist hierbei, dass die Polen sich somit von ehemaligen Gönnern zu Gegnern des Ordens gewandelt hatten. Allerdings dürfte der Orden daran weitgehend selber schuld gewesen sein, betrieb er doch eine aggressive und wenig rücksichtsvolle Expansionspolitik in Gebieten, auf die eigentlich der polnische König Anspruch erhob.
Durch die nun einsetzende Christianisierung Litauens geriet der Orden in eine schwierige Situation. Ihm wurde dadurch der stärkste Vorwand für seine kriegerischen Aktivitäten genommen. Der Krieg gegen die Heiden hatte den Orden zuvor in den Augen der meisten europäischen Reiche legitimiert. Statt nun aber den Krieg zu beenden, setzte der Orden seine aggressive Politik auch gegen den nun zumindest offiziell christlichen Feind fort.
Meiner Ansicht nach offenbart dies das wahre Antlitz des Ordensstaates nur zu gut. Die religiösen Motive waren längst nur noch Vorwand für das machtpolitische Streben des Staates im Baltikum.
Die Frage drängt sich auf: Was wäre passiert, hätte der Orden seine Kriegshandlungen gegen Polen-Litauen eingestellt? Wäre das überhaupt möglich gewesen? Und hätte die Personalunion einen starken Ordensstaat an seiner Nordgrenze toleriert?
Des weiteren sind mir die ständig wechselnden Beziehungsgeflechte zwischen den einzelnen litauischen Fürsten und dem Ordenssstaat nach wie vor eher rätselhaft. Ebenfalls diskutabel erscheint mir die klassische Rolle der beiden Kriegsparteien in der Geschichtsschreibung: Orden böse und aggressiv, Litauen edel und passiv-heroisch. Vieles deutet darauf hin, dass die Litauer keineswegs sanftmütige Lämmer waren, die von den Ordensrittern willkürlich mit Krieg überzogen wurden.
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Man vergißt vielleicht, wo man die Friedenspfeife vergraben hat. Aber man vergißt niemals, wo das Beil liegt. Mark Twain, 30.11.1835 bis 21.04.1910
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25.07.2008, 14:20
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Tribun
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es ist fraglich ob man einen über hundert jahre währenden konflikt von heute auf morgen einfach so einstellen kann . vorallendingen wen einer der beiden kontrahenten praktisch über nacht seine macht und recourcen vervielfachen konnte. litauen-polen hätte auf jedenfall versucht sein verlorengegangenes teritorium zurückzuerobern.
auch der ordensstaat , dessen gesamte staatsorganisation auf den krieg ausgelegt war, hätte nicht einfach so alles beenden können. allerdings hätte der sich ein neues ziel , wie etwa das orthodoxe nowgorod suchen können , was er ja auch schon versucht hatte.( wie weit die story um alexander newsky stimmtweis ich nicht , wurde wahrscheinlich auch viel verklärt)
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25.07.2008, 14:41
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Demokrat
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Natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass die Kriegserklärung des Deutschen Ordens 1409 an Polen provoziert war. Die polnischen Fürsten inklusive des repräsentativen Unions-Königs Jogaila hatten sich ja zuvor relativ deutlich hinter den Aufstand der vom Orden unterworfenen Litauer in Samogitien unter Vytautas gestellt.
Ich frage mich bloss, warum der Orden sich dazu hat hinreissen lassen?
Man kann nun böse sein und behaupten, dass hier eine Fehleinschätzung der politischen Lage durch die Ordensleitung vorlag. Kann es sein, dass der Orden nicht damit rechnete, dass das Bündnis zwischen Polen und Litauen dauerhaft sein würde? Oder hatte sich der Konflikt 1409 bereits derart zugespitzt, dass eine militärische Konfrontation unausweichlich war.
Auf der anderen Seite passt es natürlich zum Wesen des Ordensstaates als Militärmacht, dass er auf eine äussere, wenn auch nur indirekte politische Bedrohung nicht mit Diplomatie, sondern mit Aggression reagierte.
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25.07.2008, 17:10
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The Censor
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Polen-Litauen war der mächtige Staat in Osteuropa und das schon vor Tannenberg, es erscheint mir zweifelhaft, ob er einen mächtigen Militärstaat an seiner Grenze geduldet hätte.
Was die Bewertung des Deutschen Ordens betrifft, muss man sich meines Erachtens nach auch die Motivation derer ansehen, die sie vornahmen.
Im Kaiserreich wurde die Rolle des deutschen Ordens heroisiert und verklärt. Sichtbar wird das z.B. dadurch, dass eine Schlacht im Osten im ersten Weltkrieg ohne geografischen Bezug zur zweiten Tannenbergschlacht erhoben wird. Stilisiert zum Ausmerzen der Schande aus dem Mittelalter.
So eine Verklärung löste meines Wissens nach unter den Wissenschaftlern der 68er-Generation häufig eine gewisse Trotzreaktion aus, verbunden mit der tendenziell negativen Kreuzzugsgeschichtsschreibung dürfte es das negative Bild des Deutschen Ordens erklären.
Das seit dem 2. Weltkrieg negative Preußenbild in Intellektuellenkreisen dürfte auch seinen Teil dazu beigetragen haben.
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Demokratie heißt die Wahl haben. Diktatur heißt, vor die Wahl gestellt werden.
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25.07.2008, 17:20
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Demokrat
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Zitat von Wulfnoth
Polen-Litauen war der mächtige Staat in Osteuropa und das schon vor Tannenberg...
Genau das ist eben der Punkt. Polen-Litauen war ein extrem starker Gegner, der über die weitaus grösseren Ressourcen (vor allem an Menschen) verfügte, als der Ordensstaat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Tatsache auch in der Führungsriege des Deutschen Ordens bekannt war. Dennoch beschloss der Orden, gegen die Personalunion in den Krieg zu ziehen.
An der Ratssitzung, an der die Verfassung des Fehdebriefes an Polen und damit an die Union beschlossen wurde, wäre ich gerne als stiller Zuhörer dabei gewesen. Mich hätten die Argumente interessiert, mit denen Ulrich von Jungingen seine Mitbrüder auf den Krieg einschwor. Und vor allem hätte es mich interessiert, ob alle hochrangigen Ordensleute diese Entscheidung mittrugen...
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28.07.2008, 19:43
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Quaestor
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Zitat von Kriegsknecht
Genau das ist eben der Punkt. Polen-Litauen war ein extrem starker Gegner, der über die weitaus grösseren Ressourcen (vor allem an Menschen) verfügte, als der Ordensstaat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Tatsache auch in der Führungsriege des Deutschen Ordens bekannt war. Dennoch beschloss der Orden, gegen die Personalunion in den Krieg zu ziehen....
Beide Seiten hatten neben ihren nationalen oder religiösen (ich nenne sie einmal) Idealen natürlich auch konkrete politische Interessen. Der boomendste Bereich in Osteuropa war der Fernhandel mit den Nordseeanrainern, meist durchgeführt durch die Schiffe der deutschen Hanse. Die Position der Könige von Polen konnte sich nur weiter verfestigen und vertiefen, wenn es an diesem Handel Anteile erhalten konnte. Polen bot viel! Vor allem die fruchtbaren Landstriche mit enormem Getreideanbau, auf die man nicht zuletzt im wohlhabenden und volkreichen Flandern angewiesen war. Diese Ressourcen wurden durch die Fluss-Systeme der Weichsel erschlossen.
Aber die wichtigen Verschiffungshäfen waren in deutscher Hand: Städte wie Danzig oder Elbing saßen an den Mündungen der großen Flüsse! Die "Nationalität" der dort lebenden Handwerker, Händler und Kaufleute war dabei nicht wichtig, auch der Status dieser Städte als Hansestädte oder Königsstädte war eher zweitrangig, denn nur diese eher internationalen Umschlagplätze boten Verbindungen, Kowhow und Techniken die Erträge Polens zu exportieren. Das Hinterland dieser Städte war aber in der Hand des Deutschen Ordens! Schon längst sahen die polnischen Könige - im Gegensatz vielleicht zu den einstigen einheimischen Herzögen dieser Küstengegenden - im Orden nicht länger eine Hilfe, die Stabilität und damit Geld und Knowhow in den Osten brachte, sondern ein Hemmnis zur eigenen Entfaltung!
Das gleiche trifft z.T. in den ehemaligen Landen der Schwertbrüder zu. Sie erschlossen die Flussverbindungen in das östliche Hinterland. Ihre Hafenstädte wickelten einen Teil des Luxushandels etwa mit russischen Pelzen ab, deren größter Umschlagplatz Nowgorod blieb. Je sicherer die Verbindungen ins Landesinnere waren, desto besser musste sich das Land entwickeln. Ohne diese zusätzliche Unterstützung durch Handel und Wandel hätte der Deutsche Orden wohl niemals die Mittel aufbringen können, diese Länder nicht nur zu erobern, sondern auch zu erschließen und zu entwickeln. Dazu zogen sie westliche Siedler ins Land, die beileibe nicht alles Deutsche waren! Erst im Baltikum wurden die Flamen, Wallonen, Dänen und zum Teil sogar Engländer zu "Deutschen" - Ein typisches Beispiel für die ganze deutsche Ostbewegung des Mittelalters. Wer ein noch heute dazu sichtbares Beispiel in Deutschland finden will, blicke in seinem Atlas in den Bereich südlich von Berlin, wo noch der Name eines Höhenrückens, der "Fläming" auf die Herkunft der ersten "deutschen" Siedler verweist.
Die Interessengemeinschaft von Handel, Siedlung und Deutschem Orden hat erst die Etablierung des Ordenslandes ermöglicht. Der Orden versuchte das Werk weiter zu entwickeln, doch die Lage war längst nicht mehr so eindeutig! Der Orden war stark geworden! Als sich "Seeräuber" auf Visby eingenistet hatten und die Schiffe der Hanse bedrohten, eroberte eine Armee des Ordens sehr schnell die Insel. Nach Außen hin war dies wohl der Höhepunkt des Gleichklangs zwischen "Hanse" und Deutschem Orden. Doch der Orden war den Händlern längst zu stark geworden. Die Hansestädte auf seinem Gebiet stießen an ihre Grenzen. Auch Territorialadelige auf dem Land des Ordens wünschten sich Veränderungen. Aus dieser Wurzel heraus entstand der "Eidechsenbund" zwischen Städten und Adeligen im Ordensland, der sich mehr Freiheiten erhoffte. Noch aber war man loyal, doch der Blick auf den sich bildenden starken, polnisch-litauischen Block ging in die Zukunft.
Aus meiner Sicht konnte eine derart mächtige Allianz aus Polen und Litauen niemals auf Dauer den Zugang zum Meer und damit zum Reichtum des Handels in den Händen einer schwer berechenbaren Militärmacht wie dem Deutschen Orden lassen! So oder so erscheint es mir als wahrscheinlich, das der Kampf zwischen beiden früher oder später mit Sicherheit ausgebrochen wäre. Der Verlauf der Dinge nach "Tannenberg" zeigt auch, das Städte und viele Adelige - meist aus dem "Eidechsenbund" unter polnischer Oberherrschaft ein weit größeres Potential erwarten konnten, als unter der strengen Herrschaft eines Ordens, der seine Führung nicht aus dem Lande und dort verwurzelten Adelsdynastien rekrutierte. Aus mittelalterlicher Sicht waren die Ordensoberen somit schlechter berechenbar und schlechter in ein Lehenssystem einzubinden, wenn sie nicht selbst an der Spitze der Lehenspyramide standen. Ein typisches Mittel jener Zeit, das die Habsburger perfektionieren sollten, war die dynastische Heirat - Aussichtslos, bei Ordensoberhäuptern denen die Ehe offiziell verboten war.
Aus polnisch-litauischer Sicht war der Orden ein Fremdkörper, der nicht in ein feudales System passte und den Zugang zum Meer versperrte. Aus Sicht der gro0en Städte im Ordensland war der Orden zu stark um eine weitere eigenständige Entwicklung der Städte erlauben zu können, aber zu schwach um den Zugang zu einem reicheren Handel weiter zu erzwingen. Ergo musste er weg! Durch die Christianisierung des litauischen Großfürsten fiel der offizielle Grund für die Existenz des Ordens weg. Nun konnte man daran gehen, ihm das auch klar zu machen
Die spätere Entwicklung zeigt m.E. genau in diese Richtung. Die Städte erhielten von der polnischen Krone weitere Privilegien - vor allem Danzig und sie blühten nach Ausschalten des Ordens auf. Die lokalen Adeligen passten sich gut ins feudale Gefüge des polnischen Staates ein. Nationalitäten waren im MA nebensächlich, was den üblichen Mix aus Deutschen, Polen und Sonstigen in jenen Übergangsländern verstärkte. Als schließlich der Orden nur noch auf einen Restbestand in Ostpreußen reduziert war, erledigte er sich schließlich selbst, indem der letzte Landmeister von Preußen sein Gebiet selbstherrlich zu einem weltlichen Herzogtum unter Oberherrschaft der polnischen Krone umwandeln sollte. Ein Schritt, der durch die Reformation begünstigt wurde und der nirgends auf nennenswerten Widerstand stieß.
Aus machtpolitischer Sicht des Ordens konnte der anbrechende Konflikt einzig durch einen Angriff zu seinen Gunsten beeinflusst werden. Die stehende Ordensmacht war niemals allzu groß und in der Lage der vereinigten polnisch-litauischen Macht zu trotzen, wenn diese Ort und Zeit des Konflikts wählen konnten. Noch hatte der Orden finanzielle Macht um Söldner zu werben und großen ideellen Rückhalt bei den Adeligen des Westens. Den offenen Schritt einen legitimen christlichen König anzugreifen konnte man nicht wagen. Entsprechend schlitterte man langsam in den Krieg hinein. Niemals zuvor und danach konnte der Orden größere und modernere Heeresmacht aufbieten als zu jenem Konflikt, in dem auch erstmals "Schwarzpulver-Artillerie" in größerem Maßstabe für eine Feldschlacht bereitgestellt wurde.
Legenden ranken sich um den Ausgang der Schlacht. In Polen erzählt man sich der König habe die Aufstellung so gewählt, dass die Deutschen in die Sonne blicken mussten und schlecht zielen konnten. Die "Russen" erzählen wie entscheidend wichtig der tapfere Widerstand der Aufgebote aus Smolensk gewesen ist, der zwar einmal zurück geworfen worden war, sich aber überraschend sammeln konnte und dann die Ritter ausreichend lange aufhalten konnte bis der Entscheidungsschlag fiel. In wilhelminischer Zeit dagegen prangerte man die Untreue von Aufgeboten aus Livland an, die entweder nie auf ihrem Flügel erschienen, oder gar z.T. die Seiten gewechselt haben sollen...
Geändert von tejason (28.07.2008 um 19:49 Uhr).
Grund: litauische Christianisierung
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29.07.2008, 11:48
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Demokrat
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@Tejason
Kurzfassungen sind nicht so dein Ding, wa?
Schön formuliert. Klingt sehr einleuchtend.
Wenn man es so betrachtet war die Kriegserklärung des Ordens an Polen-Litauen vermutlich tatsächlich unausweichlich. Hätten sich die Ordensritter auf ihre Burgen und Festungen zurückgezogen, wäre es wohl über kurz oder lang zu weiteren Aggressionen (direkt oder indirekt über den Support von Aufständischen) durch die Unionsmacht gekommen. Hätte der Orden darauf nicht entsprechend reagiert, wäre das wohl als Signal der Schwäche aufgenommen worden. Feinde und Konkurrenten hatte der Orden ja nicht gerade wenige.
Ein weiterer Grund für den Niedergang und speziell für die nachlassende Unterstützung des Ordens könnte aber meines Erachtens auch die schwächelnde Begeisterung für den Kreuzzugsgedanken in Europa gewesen sein. Im 15. Jahrhundert war die Kreuzzugsbewegung längst ins Stocken geraten. Die Idee des bewaffneten Kampfes für den Glauben war nicht mehr derart tief verwurzelt. In gewissem Sinne war der Orden ein real existierender Anachronismus, der sich an einen letzten Strohhalm klammerte.
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Man vergißt vielleicht, wo man die Friedenspfeife vergraben hat. Aber man vergißt niemals, wo das Beil liegt. Mark Twain, 30.11.1835 bis 21.04.1910
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30.07.2008, 14:46
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The Censor
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Registriert seit: 29.01.2005
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Die Frage ist doch auch wie sehr war der Ordensstaat denn noch auf den Kreuzzugsgedanken fixiert? Sicherlich auf der einen Seite war es ein Ritterorden auf sakraler Kreuzzugsebene aber andererseits ist der Kreuzzugsgedanke doch mit der Errichtung eines "reuglären" Staates ziemlich in den Hintergrund getreten. Wie Tejason selbst erwähnt, wurden dann auch mal Kriegszüge gegen Piraten auf der Ostsee geführt, um den Handel zu schützen. Das hat weniger mit Kreuzzügen als mit herrschaftlichen Hoheitsaufgaben zu tun.
Die Umwandlung in ein Lehen erfolgte dann auch ziemlich lautlos, die Unterschiede können vorher also nicht mehr so gravierend gewesen sein oder?
@Tejason
Kurzfassungen sind nicht so dein Ding, wa?
Es gibt eben Leute, die nur durch die Zeichenbegrenzung für Beiträge ausgebremst werden. 
Jeder hat da seinen eigenen Stil, ich reiß immer nur alles an und geh dann davon aus, dass sich alle ihren Teil denken können. Das kann auch mal gehörig nach hinten losgehen.
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Demokratie heißt die Wahl haben. Diktatur heißt, vor die Wahl gestellt werden.
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30.07.2008, 17:27
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Demokrat
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Registriert seit: 08.06.2005
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Zitat von Wulfnoth
Die Frage ist doch auch wie sehr war der Ordensstaat denn noch auf den Kreuzzugsgedanken fixiert?
Naja, viel entscheidender war, dass der Orden durch die Kreuzzugsproklamation sein Vorgehen gegenüber den anderen Mächten rechtfertigen konnte; es erobert sich leichter, wenn man eine (vermeindlich) triftige Rechtfertigung dafür vorweisen kann. Das gilt bis in die heutige Zeit.
Der Orden konnte sich seine Machtstellung nur dadurch aufbauen, dass er in seinen Handlungen von den europäischen Königs- und Fürstenhäusern wie auch von den religiösen Instanzen unterstützt, oder zumindest nicht behindert wurde. Die Kreuzzugsrhetorik war eine mächtige Waffe in Händen von jemandem, der sie geschickt zu nutzen wusste! Die Ordensritter betrieben aber speziell im 14. und 15. Jahrhundert eine Politik, die nur noch oberflächlich an die Kreuzzugsbewegung geknüpft war; da dominierten längst handfeste machtpolitische Überlegungen.
Dennoch war der Orden darauf angewiesen, dass er in seinem Handeln legitimiert wurde, denn nur so konnte er sein aggressives Vorgehen gegenüber anderen Mächten rechtfertigen.
Der Orden hatte bereits vor dem Bruch mit Polen Mühe, seine Handlungsweisen zu rechtfertigen, weil der religiöse Aspekt mehr und mehr in den Hintergrund trat – allerdings kann man dem Orden dafür nicht unbedingt die alleinige Schuld zuweisen. Die Kreuzzugsbegeisterung klang in Europa im Verlauf des 14. Jahrhunderts merklich ab, was sich eben auch darin zeigte, dass die Kirche immer mehr Mühe bekam, noch genügend Teilnehmer für religiös motivierte Unternehmungen zu gewinnen. Die Könige und Fürsten wie auch die aufstrebenden Handels- und Seemächte sahen einfach keinen Sinn mehr in derartigen Operationen; oder sie funktionierten sie zu "normalen" Plünderungszügen um, ohne sich um die ursprünglichen Ideen zu kümmern. Die Kreuzzugsbewegung hattte also deutlich an Schwung verloren, was dem Orden durchaus zusetzte.
Der Bruch mit Polen und die Niederlage bei Tannenberg waren deshalb letztlich wohl lediglich Symptome eines Prozesses, der bereits sehr viel früher eingesetzt hatte.
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Man vergißt vielleicht, wo man die Friedenspfeife vergraben hat. Aber man vergißt niemals, wo das Beil liegt. Mark Twain, 30.11.1835 bis 21.04.1910
Geändert von Kriegsknecht (30.07.2008 um 17:32 Uhr).
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02.08.2008, 13:47
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Nein, kurz fasse ich mich selten :P
Der Orden konnte in einer Zeit, in dem die alten, religiösen Motivationen für seine Existenz ihre Wirkung mehr und mehr verloren nur bestehen, wenn es diese am Leben erhielt oder eine neue Legitimation für sein Handeln fand. In einer Zeit, in welcher die Reformation bereits ihre Schatten vorrauswarf und die "katholische" Universalität immer öfter herausgefordert wurde (Jan Hus), musste dies schwierig sein.
Auch im Ordensstaat und innerhalb des Ordens gab es immer einmal wieder Spannungen zwischen den (theoretisch dominierenden) Ordensrittern aus dem "Altreich" und jenen, die im Ordensstaat bereits verwurzelt waren. Man darf nicht vergessen, dass der Orden sich längst nicht auf den Ordensstaat beschränkte, sondern zahlreiche Burgen & Besitzungen - aber eben kein "lebensfähiges, staatsähnliches Gebilde" - im Reich besaß. Diese Balleien waren das andere Gesicht des Ordens. Die Besitzungen um das hessische Marburg dürften zu den bekannteren gehören. Man verbindet den Orden automatisch zuerst mit Preußen und dann mit Norddeutschland, doch gerade im Süden gab es solche Besitzungen und auf ihnen traten neue Ordensbrüder oft ihre Laufbahn erst an und dort wurden auch neue Mitglieder aufgenommen, denn es gab ja recht strenge Regeln.
Der Ordensstaat scheiterte nach fulminantem Beginn daran, seine Besitzungen in einen wirklichen Staat umzuwandeln, in dem der Orden vielleicht höchstens noch ein Teil von mehreren hätte sein können (Städte, einheimische Adelige e.t.c.), wie im damaligen Feudalismus üblich. Dann hätte es seine Existenz auch nicht allein vom Kreuzzugsgedanken ableiten müssen. Geld und Einfluss besaß der Orden über lange Zeit. Er nutzte die Zeit nicht sich staatsrechtlich abzusichern im Spiel der adeligen Mächte Europas. Darin lag natürlich auch die Gefahr zu scheitern: Was wenn die Könige/Mächtigen Europas diese Umwandlung nicht billigten? Der polnische König hätte dies niemals getan! Wäre das Ordensland erst einmal umgewandelt worden in einen Territorialstaat, welchem Lehnsherren hätte es unterstanden? Die Sonderrechte durch Papst und Kaiser wären dahin gewesen, Polen hätte ganz sicher die Oberhoheit verlangt, wären die Teile des Ordensstaates nicht trotzdem eigene Wege gegangen und hätten sich mächtigen anderen Herren unterstellt? Fragen auf die es keine Antwort gibt, sie bleiben spekulativ.
Wir wissen nur, dass die Städte des Ordenslandes später meist mehr Freiheiten und Privilegien unter polnischer Oberherrschaft erhielten, darunter auch Autonomie, welche wie Überwiegend "deutsch" geprägte Städte bleiben ließen. Der Lehensadel im Ordensland fand sich ungeachtet seiner Herkunft meist leicht im polnischen Feudalismus zurecht. Der "Eidechsenbund" verschwand! Die Ländereien des Baltikums behielten sogar deutsch als (eine) Amtssprache bis zum 1. Weltkrieg, als dies dem Zaren zu unangenehm wurde und er sogar die Hauptstand des Reiches Sankt Petersburg in "Petrograd" umbenennen ließ. Die Herzöge von Kurland spielten sogar eine kurze Rolle als "Kolonialmacht" in der Übersee und verfügten über die größte Handelsflotte im Ostseeraum.
Besonders seltsam ist m.E., dass die freiwillige und ungezwungene Umwandlung des Ordensstaates in einen Territorialstaat an den Problemen des Feudalistischen Systems scheiterte - zu einer Zeit, als der alte Feudalismus durch die Renaissance langsam verwandelt wurde. Nachdem der Ordensstaat liquidiert worden war, wandelten sich die "Erben" (Herzogtümer Kurland und Preußen) schnell und effektiv in eine Herrschaft der Renaissance um, mit ihrer Tendenz zum Absolutismus. Ein völlig vom Geist der Renaissance umgebenes Umfeld hätte es einem noch unbeschädigten Ordensstaat die Umwandlung gewiss stark erleichtert, da Stände, Städte und Adel dort ein anderes Gewicht hatten.
...aber das alles ist spekulativ und eigentlich müßig.
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