12.10.2008 - 00:15
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  #1  
Alt 05.02.2008, 09:29
Benutzerbild von Kriegsknecht
Demokrat
 
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Beiträge: 325
Saufen und Raufen: Das mittelalterliche Fest

In unseren Breitengraden beherrschen gerade Karneval, Fasching und Fastnacht die Strassen. Immer wieder kommt es dabei auch zu eher unrühmlichen Vorfällen, die auch in den Medien Anlass für ausgiebige Berichterstattung geben. Betrunkene Randalierer, Streitereien und Schlägereien beschäftigen die Polizei.

Ein Blick ins Mittelalter zeigt dabei, dass es schon damals während Festen äusserst derb zu und herging; und dass die Gewalt während der Fasnachtszeit und generell bei Festen damals noch wesentlich schlimmere Ausmasse annehmen konnte, als wir es uns heute überhaupt vorstellen können.

Das Leben im Mittelalter war für die meisten Menschen hart. Es war einerseits geprägt von sturen gesellschaftlichen und sakralen Normen. Andererseits bestimmte die natürliche Umwelt den Lebensrythmus und der Lebensstandart war einfach. Umso üppiger, farbenprächtiger, ausschweifender und opulenter waren deshalb auch die mittelalterlichen Feste. Das Fest war im Mittelalter total – niemand konnte sich ihm entziehen. Fester versetzten Städte, Dörfer und Länder in den Ausnahmezustand und brachten die Verrichtungen des Alltags zum erliegen.

Ein richtiges mittelalterliches Fest bedurfte langwieriger Vorbereitungen: Gäste mussten eingeladen werden, die Stadt oder das Dorf wurden geschmückt, Vorräte an Getränken und Lebensmitteln wurden zusammengetragen und Unterkünfte hergerichtet. Zudem kümmerte sich ein verantwortungsvoller Festorganisator auch um die Sicherheit: Es wurden Vorkehrungen gegen den Ausbruch von Bränden und gegen bewaffnete Tumulte getroffen. Bereits diese Vorbereitungen sorgten dafür, dass sich eine erwartungsfrohe Stimmung aufbaute, die sich dann am Fest selbst in massloser Ausgelassenheit entlud.

Die gültigen Gesetze waren während der Festivitäten ausser Kraft. Zahllose Bräuche beherrschten die Szene: Vom Maskentreiben über nächtliches Lärmen, Fakelumzüge, Tänze und Kampfspiele, bis zur rituellen Völlerei. Der Verlauf des Festes war unberechenbar. Fröhliche Ausgelassenheit konnte jederzeit in einen zerstörerischen Tumult umschlagen. Überbordender Weingenuss hatte nicht selten Blutvergiessen zur Folge. Streitigkeiten während Festen mündeten in einigen Fällen sogar in regelrechten Kriegszügen.

Besonders das Recht des „Heischens und Rügens“ während der Fastnacht, also das durch die Festregeln legitimierte Zurechtweisen von mutmasslichen Abweichlern, führte immer wieder zu erheblichen Problemen. Diese „Gesetze“ öffneten der Gewalttätigkeit Tür und Tor. Mittelalterliche Feste waren zwar ausgelassen, sie waren jedoch auch oftmals strengen Riten und Regeln unterworfen. So galten vielerorts Kleiderordnungen (Masken, Kostüme). Wer sich nicht an diese Ordnungen hielt oder sonstwie negativ auffiel, lief Gefahr, einer der bereits erwähnten Heische- oder Rügeaktionen zum Opfer zu fallen. Dabei üblich waren nächtliche Prügel, Dachabdecken oder sonstige Heimsuchungen.

Schon im 13. Jahrhundert entwickelten sich aus ritterlichen Kampfspielen immer wieder blutige Fehden. So verwandelte ein Ritterturnier im Jahr 1376 die Stadt Basel in ein Schlachtfeld. Es ging unter dem Namen „Böse Fastnacht“ in die Geschichte ein.

Unfälle bei Kampfspielen, Schlägereien um Frauen, Fluchen und Glücksspiel gehörten zu den alltäglichen Vorkommnissen am Fest. Bei Tanzfesten in Dörfern überwachten die ledigen Burschen eifersüchtig die Frauen und Mädchen – wenn es ein „Auswärtiger“ wagte, ohne Erlaubnis mit einem Mädchen aus dem Dorf anzubandeln, so mündete dies in der Regel in Streit und Schlägereien. Auf diese Weise entstanden Feindschaften zwischen Dörfern und Städten, die über Generationen hinweg andauerten und sich immer wieder in blutigen Raufereien entluden.

Besonders problematisch wurde es, wenn Feste in Zeiten politischer oder sozialer Spannungen in Gewalttätigkeit ausuferten. In der Schweiz des Spätmittelalters gibt es dafür diverse Beispiele. So begannen zwei der schlimmsten innerstaatlichen Feldzüge – der Saubannerzug 1477 und der Überfall von Innerschweizer Knechten auf die Stadt Konstanz 1459 – während der Fastnachts-, Zwölften- oder Kirchweihzeit. Feste konnten auch die militärische Kraft ganzer Städte zum Erlahmen bringen. Die Fress-, Sauf- und Sexstrapazen an Festtagen hatten oftmals zur Folge, dass militärische Besatzungen betrunken und übermüdet waren. Feindliche Überfälle konnten deshalb kaum effektiv abgewehrt werden. Die berüchtigten „Mordnächte“ in den Fasnachts- oder Neujahrstagen haben die mittelalterliche Eigenossenschaft viele Städte und Burgen gekostet.

Besonders gefährlich waren Feste, wenn es im Volk gegen die Obrigkeit gärte. Bürger und Bauern nutzten dann die Festzusammenkünfte, um sich zusammenzurotten. Was als Fest begann, mündete so in offenem Aufruhr. Im Zeitalter des deutschen Bauernkrieges von 1524/25 kam es in der Schweiz zu fastnächtlichen Überfällen auf Frauenklöster, wobei die Nonnen teilweise auf schlimmste Weise misshandelt und vergewaltigt wurden. 1513 überfiel eine Festhorde nach der Kirchweih in Köniz die Stadt Bern. Der Mob verwüstete private Häuser und Weinkeller. Ausserdem wurden viele unbeliebte Politiker ermordet.

Die aufgeführten Beispiele zeigen, dass die heute so stark diskutierte Gewalt an Festen und in Ausgehzonen von Städten absolut keine neues Phänomen ist.

Quelle: Werner Meyer: Hirseberei und Hellebarde – Auf den Spuren des mittelalterlichen Lebens in der Schweiz. Verlag Walter.
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Man vergißt vielleicht, wo man die Friedenspfeife vergraben hat. Aber man vergißt niemals, wo das Beil liegt. Mark Twain, 30.11.1835 bis 21.04.1910

Geändert von Kriegsknecht (05.02.2008 um 10:03 Uhr).
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  #2  
Alt 05.02.2008, 09:53
Benutzerbild von Wulfnoth
The Censor
 
Registriert seit: 29.01.2005
Ort: Bremen
Beiträge: 6.343
Sehr interessant! Danke! Wobei ich mich schon frage ob sich ein Dorf oder eine kleine Stadt jedes Jahr so ein Fest leisten konnte?
__________________
Demokratie heißt die Wahl haben. Diktatur heißt, vor die Wahl gestellt werden.
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  #3  
Alt 05.02.2008, 09:57
Benutzerbild von Kriegsknecht
Demokrat
 
Registriert seit: 08.06.2005
Ort: Zürich, Schweiz
Beiträge: 325
@Wulfnoth

Natürlich fielen die Feste in eher ärmeren Regionen auch karger aus. Allerdings zeigt sich sogar hier ein interessantes Phänomen. Selbst arme Menschen sparten wenn möglich das ganze Jahr über, um sich ein paar Mal der Ausgelassenheit und Schlemmerei hingeben zu können. Werner Meyer beschreibt das in seinem Buch sehr anschaulich. Das Fest hatte eine dermassen wichtige, zentrale Bedeutung, dass man einfach dabei sein musste! Ausserdem bot das Fest die Möglichkeit zum Ausbruch aus den ansonsten geltenden gesellschaftlichen Normen. Das muss eine ungeheure Anziehungskraft auf die Menschen ausgeübt haben.
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  #4  
Alt 05.02.2008, 10:18
Thete
 
Registriert seit: 02.05.2007
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Beiträge: 741
Für mich waren ja Dinge wie der 1. Mai in Berlin oder die ominösen "Chaostage", dies ein-, zwei mal in hannover gab, der Karneval der Neuzeit; alle Gesetze sind außer Kraft, die Herrschaft geht an die Narren, Verrückten oder Autonomen über, und gesoffen wird auch nicht wenig...
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  #5  
Alt 05.02.2008, 10:32
Benutzerbild von Draconarius
Historiddler
 
Registriert seit: 04.06.2005
Beiträge: 800
Wobei speziell bei der Fastnacht anzumerken ist, dass man dieses Fest direkt aus dem christlichen Jahreskreislauf erklären kann: Es handelt sich wie der Name Fast-nacht schon andeutet um die Vorabende der Fastenzeit, wie man aus Karne-val ableiten kann um die Fleischwegnahme oder in Form des bayerischen Fasching um das Ausschenken des Fastentrunks.
Dieses Fest stellte einen tiefgehenden Umbruch im Jahr dar - sowohl im Hinblick auf die Ernährung als auch auf die Wirtschaft. Denn es wurde nicht nur der Konsum des Fleisches der (warmblütigen) Tiere verboten, sondern auch der Verzehr der von diesen gewonnenen Produkte wie Fett, Milch, Eiern etc.
Die Konsequenz daraus war wiederum, dass man vor der Fastenzeit die Produkte dieser völlig Tiere aufbrauchte, damit sie nicht verschwendet wurden, allerdings auch, dass man den Metzgern noch einmal die Gelegenheit gab, vor den folgenden Wochen der "Arbeitslosigkeit"
gute Geschäfte zu machen, die ihnen halfen diese Zeit finanziell zu überstehen.
Die Ausgelassenheit dieser Tage kann man auch noch anderweitig auffassen: Fleischverzicht nicht im Sinne der Abwendung vom Nahrungsmittel sondern von anderen fleischlichen Genüssen.
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μηδὲν ἄγαν
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  #6  
Alt 05.02.2008, 10:41
Benutzerbild von Kriegsknecht
Demokrat
 
Registriert seit: 08.06.2005
Ort: Zürich, Schweiz
Beiträge: 325
@Draconarius

Die "fleischlichen Freuden" kamen während diesen Festen tatsächlich nicht zu kurz

Es gibt da wunderbare, allerdings kaum jugendfreie Episoden aus der spätmittelalterlichen Schweiz. Die Festtage zogen nämlich nicht nur das gemeine Volk an, sondern auch Dirnen und Marketenderinnen. Eine der grössten "Versammlungen" von "Fahrenden Töchtern" in der mittelalterlichen Schweiz wurde übrigens an einem kirchlichen Konzil verzeichnet; jenem von Basel. Auch die Kirchenmänner waren damals also den Freuden des Festes nicht abgeneigt
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  #7  
Alt 05.02.2008, 10:49
Benutzerbild von Draconarius
Historiddler
 
Registriert seit: 04.06.2005
Beiträge: 800
Jap, und heutzutage ist das ja auch nicht ganz anders. Ich habe da mal aus BaWü die Geschichte gehört, dass in den dortigen Fastnachtshochburgen sogar Spendenkonten für Kinder der Fastnacht eingerichtet wurden. Obs wahr ist kann ich aber auch ned wirklich sagen.
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μηδὲν ἄγαν
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  #8  
Alt 05.02.2008, 11:10
Benutzerbild von Kriegsknecht
Demokrat
 
Registriert seit: 08.06.2005
Ort: Zürich, Schweiz
Beiträge: 325
Interessant ist übrigens auch, dass die in Aufruhr und Kriegszüge mündenden Gewalttätigkeiten im Zusammenhang mit Festivitäten von der Obrigkeit und der Kirche stets heftig kritisiert wurden. Es gab auch immer wieder Versuche, die Festerei deswegen einzudämmen. Der Erfolg solcher Massnahmen war jedoch bescheiden, was vor allem auf das weitgehende Fehlen von staatlicher Ordnungskraft zurückzuführen war. Erst im Verlauf des 16. Jahrhunderts gelang es den allmählich immer besser organisierten Staatsgewalten zumindest Auswüchse wie Saubannerzüge weitgehend zu verhindern. Wüste Szenen gab es allerdings weiterhin. Daran hat sich übrigens in manchen Gegenden der Schweiz bis heute nichts geändert. Während den Fastnachtstagen kommt es immer wieder zu teils schlimmen Ereignissen. Erst vergangenes Wochenende wurde im Tessin ein 22-jähriger beim Karneval zu Tode geprügelt.
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Geändert von Kriegsknecht (05.02.2008 um 11:20 Uhr).
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  #9  
Alt 05.02.2008, 15:01
Benutzerbild von Jason
Hoplit
 
Registriert seit: 29.10.2007
Ort: Durmersheim bei Karlsruhe
Beiträge: 713
Zitat von Draconarius Beitrag anzeigen
Jap, und heutzutage ist das ja auch nicht ganz anders. Ich habe da mal aus BaWü die Geschichte gehört, dass in den dortigen Fastnachtshochburgen sogar Spendenkonten für Kinder der Fastnacht eingerichtet wurden. Obs wahr ist kann ich aber auch ned wirklich sagen.
...wenn ich das früher gewußt hätte! Da sparst ja glatt den Unterhalt...
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