28.08.2008 - 17:26
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  #1  
Alt 28.09.2007, 16:43
Benutzerbild von Kriegsknecht
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Schweizer Pikeniere – Elite oder überschätzt?

Ausgelöst durch die Bemerkung von TigerMC im Murtenpanorama-Forum möchte ich zu diesem Thema hier eine Diskussion eröffnen.

Pikeniereinheiten traten bereits im 12. und 13. Jahrhundert auf den europäischen Schlachtfeldern in Erscheinung. Zu nennen sind zunächst sicher die Schiltrons der Schotten. Entgegen der landläufigen Meinung waren es weniger die Krieger aus dem Schottischen Hochland ("Highlander"), welche Piken im Kampf verwendeten, als vielmehr die Männer aus den Borders, also den Grenzgebieten zum englischen Königreich. Aus Mangel an einer eigenen schweren Kavallerie bildeten die "Lowlander" Formationen aus Soldaten, die lange Holzspiesse zur Abwehr feindlicher Kavallerie einsetzten. Allerdings waren diese Schiltrons in erster Linie für defensive Aufgaben zu gebrauchen. Der Grad an Organisation und vor allem die Disziplin in diesen Haufen war in der Regel eher gering.

Eine ähnliche Entwicklung wie in Schottland vollzog sich in anderen Regionen Europas. Interessanterweise wurde der Umgang mit der Pike zunächst vor allem in Randregionen (Alpen, Schottisches Hochland) oder dann in Städten (Milizen) mit Effizienz betrieben. Verantwortlich dafür waren zunächst Kostengründe. Die Ausrüstung eines Pikeniers war verglichen mit der eines Ritters verhältnismässig billig. Ausserdem standen in den Städten und besagten Randregionen in der Regel nicht genug Pferde zur Verfügung, um grosse Kavallerietruppen zu bilden.

Perfektioniert wurde die Pikenier-Taktik von den Schweizern. Sie spezialisierten sich auf den Kampf mit Stangenwaffen. In dichten Formationen aus hunderten bis tausenden von Soldaten kämpfend, errangen die Schweizer bedeutende Siege gegen auf dem Papier überlegene Ritterheere. Ihre ersten grossen Siege erkämpften sich die Eidgenossen gegen die Truppen der Habsburger in der Schlacht bei Morgarten 1315 und in der Schlacht bei Sempach 1386. Der Ehrlichkeit halber muss man aber betonen, dass diese Siege nicht nur auf die Pikeniertaktik der Schweizer, sondern vor allem auch auf die Topografie der Zentralschweiz zurückzuführen waren. Die Habsburger gerieten in beiden Fällen in relativ engen Bergtälern in Hinterhalte, wodurch die Ritter ihre Kampfkraft gar nicht richtig entfalten konnten.

Im Gegensatz dazu fanden die denkwürdigen Schlachten der Burgunderkriege des 15. Jahrhunderts nicht mehr in den Alpen, sondern im relativ flachen westschweizer Mittelland statt. Die Topografie kam den Eidgenossen hier also nicht mehr zu Hilfe. Als stellvertretend für die Effektivität der Schweizer Pikeniere kann sicher die Schlacht bei Murten 1476 angesehen werden. Die Eidgenossen hatten ihre Taktik weiterentwickelt. Sie bildeten in der Schlacht sogenannte Gewalthaufen. Diese wurden gegen aussen hin von Pikenieren geschützt. Im Zentrum fanden sich Hellebardenträger und Schwertkämpfer. Die Taktik dieser Gewalthaufen bestand darin, in die feindlichen Linien einzudringen; die Pikeniere brachen die gegenerischen Formationen auf und öffneten dann den Raum für Hellebardiere und Schwertträger, die den Rest besorgten. Die Pikeniere agierten gleichzeitig als Schutzwall gegen Kavallerie.

Bei Murten besiegten die Eidgenossen zusammen mit ihren Verbündeten das Heer des mächtigen Burgunderfürsten Karl des Kühnen. Dieser Sieg kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, da Karl über das modernste und beste Heer seiner Zeit verfügte! Ganz Europa fürchtete ihn. Der Sieg der Eidgenossen bei Murten war zudem kein Einzelfall. Vielmehr besiegten sie die Burgunder in drei grossen Schlachten (Grandson, Murten, Nancy) vernichtend. Von Glück kann also keine Rede sein. Vielmehr waren die Eidgenossen dazu in der Lage, die Burgunder mit ihrer Taktik in allen drei Fällen komplett zu überrumpeln.

Die Erfolge der Schweizer führten dazu, dass sie bis ins 16. Jahrhundert hinein die begehrtesten Söldner Europas waren. Auf die Schweiz hatte dies jedoch nicht nur positive Auswirkungen. Weil für junge Schweizer Männer im Söldnerwesen Aussicht auf materiellen Gewinn bestand (durch Plünderung und Kriegsbeute) kam es zu einer starken Ausdünnung der Bevölkerung vor allem in der Zentralschweiz. Ausserdem sorgten die von den Feldzügen zurückkehrenden Soldaten in ihren Heimatregionen für eine Verrohung der Sitten. Alleine die Präsenz von arbeitslosen, kriegserfahrenen Söldnerhaufen sorgte für eine permanente Gefahr. Mitunter kam es vor, dass sich solche Gruppen zusammenschlossen, um "ein wenig zu plündern". Diese Saubannerzüge waren gefürchtet, weil kaum jemand den wild gewordenen Söldnern einhalt gebieten konnte.

Die Diskussion sei eröffnet.
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Geändert von Kriegsknecht (28.09.2007 um 17:18 Uhr).
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  #2  
Alt 28.09.2007, 16:52
Benutzerbild von Wulfnoth
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Der Erfolg der (Schweizer) Pikeniere lag ja auch nicht zuletzt in der Gewalthaufentaktik in der eben mehrere Waffentypen miteinander vereint wurden und mit den Tirailleuren auch über Fernkämpfer verfügten.

Die wesentliche Bedeutung der Pikeniere/Gewalthaufen zeigt sich meines Erachtens nach in ihrer zukunftsweisenden Wirkung bis in den zweiten Weltkrieg/Kalten Krieg hinein. Dadurch dass relativ billig eine große Anzahl an Kämpfern ausgestattet werden konnte wurde erst wieder das Zeitalter der Massenkriege eröffnet in denen nicht nur eine kleine Kriegerelite wie die Ritter kämpfte.
Sicher von den Pikenieren bis zu den Millionenkriegen im frühen 20. Jahrhundert ist es ein weiter Weg aber ich denke hier muss man den Beginn sehen. Heute entwickelt sich das Ganze ja wieder mehr zu perfekt ausgebildeten kleineren Berufsarmeen mit "Elitestatus".
Ohne die Gewalthaufen wären Kriege wie der 30-Jährige-Krieg gar nicht möglich gewesen, weil sich der Ritterstand viel zu schnell personell erschöpft hätte. Söldner waren aber billig zu haben und so konnte man eben 30 Jahre Krieg führen.

Ansich muss ich aber Tiger recht geben. Die Pikeniere waren nichts besonderes, weder als einzelne Soldaten noch in der Gesamttaktik. Zwei Haufen mit mehreren tausend Mann ineinander rennen zu lassen ist eben keine taktische Meisterleistung.
Sie profitierten ja auch nicht unerheblich von der Überspezialisierung der Ritter im ausgehehenden Mittelalter.
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  #3  
Alt 28.09.2007, 17:35
Benutzerbild von Kriegsknecht
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Zitat von Wulfnoth Beitrag anzeigen
Ansich muss ich aber Tiger recht geben. Die Pikeniere waren nichts besonderes, weder als einzelne Soldaten noch in der Gesamttaktik. Zwei Haufen mit mehreren tausend Mann ineinander rennen zu lassen ist eben keine taktische Meisterleistung.
Sie profitierten ja auch nicht unerheblich von der Überspezialisierung der Ritter im ausgehehenden Mittelalter.
Der Pikenier an sich war nichts besonderes – die Leistungen der Pikeniere im Feld hingegen sehr wohl! Wenn man so argumentiert, muss man die Bedeutung der Schweizer Pikeniere im Prinzip sogar noch höher ansetzen.

Wenn man die Erfolge der Schweizer Gewalthaufen auf die Schwäche des angestaubten Ritterstandes im ausgehenden Mittelalter zurückführt, macht man es sich meiner Ansicht nach ebenfalls ein wenig gar einfach. Die Armeen des 15. Jahrhunderts waren nicht mehr zu vergleichen mit den Truppen des frühen Mittelalters. Das Aufgebot von Karl dem Kühnen in Murten umfasste beispielsweise zahlreiche Bogenschützen, ausserdem verfügte sein Heer über hunderte Kanonen. Hinzu kamen Armbrustschützen, schwere Reiterei und einige Soldaten, die mit frühen Arkebusen ausgerüstet waren.
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  #4  
Alt 28.09.2007, 17:45
Benutzerbild von Wulfnoth
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Was allerdings nichts daran ändert dass Gewalthaufen weder taktisch noch in der kämpferischen Einzelleistung der Soldaten brillierten.
Ich denke darauf wollte Tiger hinaus und da folge ich ihm auch.
Die Gewalthaufen waren in gewisser Hinsicht die Antwort auf die, wie du selbst schreibst, gut ausgebildeten Armeen der umliegenden Staaten. In Gewalthaufen konnten auch weniger gut ausgebildete Kämpfer erfolgreich sein, das habe ich auch oben gewürdigt.
Für mich stellen Gewalthaufen eine Übergangskampfweise von den Nahkämpfen des Mittelalters zu den von Distanzwaffen dominierten Kämpfen der Neuzeit dar.

Soweit mich bekannt ist (korrigiere mich wenn ich falsch liege) waren Gewalthaufen auch nur dann wirklich erfolgreich wenn sie einem taktisch anders aufgestellten Gegner gegenüber traten. Sobald zwei Gewalthaufen aufeinander trafen waren die Verluste auf beiden Seiten immens. Im 30-Jährigen Krieg äußerte sich dass dann darin, dass die meisten Kriegsherren kaum große Schlachten wagten, weil sie ihre Soldaten als quasi Privateigentum betrachteten und große Verluste fürchteten. So bestand der Krieg überwiegend aus strategischen Truppenbewegungen die eben dieses Leid über die Bevölkerung brachten.
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  #5  
Alt 28.09.2007, 17:52
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Zitat von Wulfnoth Beitrag anzeigen
Soweit mich bekannt ist (korrigiere mich wenn ich falsch liege) waren Gewalthaufen auch nur dann wirklich erfolgreich wenn sie einem taktisch anders aufgestellten Gegner gegenüber traten. Sobald zwei Gewalthaufen aufeinander trafen waren die Verluste auf beiden Seiten immens.
Damit hast du völlig recht. Das war ja einer der Gründe für den Bedeutungsniedergang der Gewalthaufen. Weil praktisch alle europäischen Herrscherhäuser am Ende solche Pikenierformationen (häufig Schweizer) einsetzten, kam es zu Pattsituationen. Die Schlachten im 16. Jahrhundert zwischen Frankreich, den Eidgenossen und dem Herzogtum Mailand sind gute Beispiele dafür. Nicht selten standen sich in diesen Schlachten auf beiden Seiten Schweizer Söldner gegenüber, die sich gegenseitig in extrem blutigen Kämpfen aufrieben.

Ich kann die Argumente bezüglich der Einfachheit des Gewalthaufen-Systems im Vergleich zur aufkeimenden Komplexität anderer Truppenformen durchaus nachvollziehen. Nur schmälert das für mich nicht die Leistungen der Pikeniere. Eine gute militärische Einheit definiert sich meines Erachtens über ihren Erfolg im Feld. Und da waren die Schweizer Pikeniere nunmal Spitze.
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  #6  
Alt 28.09.2007, 18:00
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Zitat von Kriegsknecht Beitrag anzeigen
Ich kann die Argumente bezüglich der Einfachheit des Gewalthaufen-Systems im Vergleich zur aufkeimenden Komplexität anderer Truppenformen durchaus nachvollziehen. Nur schmälert das für mich nicht die Leistungen der Pikeniere. Eine gute militärische Einheit definiert sich meines Erachtens über ihren Erfolg im Feld. Und da waren die Schweizer Pikeniere nunmal Spitze.
Ja und da sehe ich eben als größte Leistung den erstaunlich hohen Mobilierungsgrad den man mit Gewalthaufen erreichen kann an.
Militärgeschichtlich gesehen haben sie nur ein kurzes Zwischenspiel eingenommen und ihre Bedeutung bzw. ihre Bekanntheit verdanken sie (nichts für ungut) dem gewissen Stolz der Schweizer darauf, dass sie mal fast alle Armeen Europa gestellt haben.
Die Phalanx, die römische Kohorten-Legion oder auch die Ritter haben zeitlich (und kulturell) wesentlich länger die Kriegsführung geprägt als die Gewalthaufen, die ein recht kurzes Zwischenspiel hatten. Um 1500 übernahmen einige europ. Armeen diese Taktik und um 1600 geriet sie im spanisch-niederländischen Konflikt bereits wieder ins Hintertreffen.
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  #7  
Alt 28.09.2007, 18:05
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Wobei man sich die Frage stellen kann, was denn passiert wäre, wenn der eigentliche Hauptgrund für den Bedeutungsrückgang nicht gewesen wäre: Das verbreitete Aufkommen einsatzfähiger Schusswaffen in grosser Zahl. Keine andere Truppengattung zuvor musste sich einer derartigen Herausforderung stellen.
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  #8  
Alt 28.09.2007, 18:09
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Zitat von Kriegsknecht Beitrag anzeigen
Wobei man sich die Frage stellen kann, was denn passiert wäre, wenn der eigentliche Hauptgrund für den Bedeutungsrückgang nicht gewesen wäre: Das verbreitete Aufkommen einsatzfähiger Schusswaffen in grosser Zahl. Keine andere Truppengattung zuvor musste sich einer derartigen Herausforderung stellen.
Das ist natürlich richtig.
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  #9  
Alt 28.09.2007, 18:15
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Den Thread hätten wir eigentlich auch gleich "Kriegsknecht und Wulfnoth diskutieren über Schweizer Pikeniere" nennen können...

Aber es macht Spass mit dir zu debattieren.

Zum Thema: Ich werde zuhause noch ein wenig nach Infos zum Schweizer Söldnertum stöbern. Das Ganze ist im übrigen auch ein Paradebeispiel dafür, was mit einem Volk passieren kann, wenn es praktisch seine gesamten menschlichen Ressourcen in den Dienst des Kriegshandwerks stellt.

Ach ja, @Wulfnoth: Könntest du im Titel des Threads noch die Grossschreibung beim Wort "Überschätzt" korrigieren (das muss bekanntlich klein geschrieben werden). Ich weiss, das klingt pingelig, aber es nervt mich
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  #10  
Alt 28.09.2007, 18:45
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Den Thread hätten wir eigentlich auch gleich "Kriegsknecht und Wulfnoth diskutieren über Schweizer Pikeniere" nennen können...
Wir decken eben das gesamte Wissens- und Meinungsspektrum ab.

Aber es macht Spass mit dir zu debattieren.
Gleichfalls.

Zum Thema: Ich werde zuhause noch ein wenig nach Infos zum Schweizer Söldnertum stöbern. Das Ganze ist im übrigen auch ein Paradebeispiel dafür, was mit einem Volk passieren kann, wenn es praktisch seine gesamten menschlichen Ressourcen in den Dienst des Kriegshandwerks stellt.
Wobei das Thema ja noch mehr als nur die Pikiniere umfasst. So ist ja z.B. die letzte Schweizer-Garde in Frankreich beim Sturm auf die Tuilerien niedergemacht worden.
Interessant wäre aber mal ein zahlenmäßiges Ausmaß des Söldnertums im Vergleich zur schweizerischen Gesamtbevölkerung.

Ach ja, @Wulfnoth: Könntest du im Titel des Threads noch die Grossschreibung beim Wort "Überschätzt" korrigieren (das muss bekanntlich klein geschrieben werden). Ich weiss, das klingt pingelig, aber es nervt mich
Für so einen Rechtschreibkrimskrams ist eigentlich Kimon zuständig aber ich bin mal so gnädig.
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  #11  
Alt 28.09.2007, 20:32
Benutzerbild von Draconarius
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Zitat von Kriegsknecht Beitrag anzeigen
Schlacht bei Morgarten 1315 und in der Schlacht bei Sempach 1386
Da waren die Hauptwaffen doch noch Hellebarden.

Wobei man sich die Frage stellen kann, was denn passiert wäre, wenn der eigentliche Hauptgrund für den Bedeutungsrückgang nicht gewesen wäre: Das verbreitete Aufkommen einsatzfähiger Schusswaffen in grosser Zahl. Keine andere Truppengattung zuvor musste sich einer derartigen Herausforderung stellen.
Es war eine Herausforderung, die sich jede der damaligen Truppengattungen stellen musste, nicht nur Pikeniere, auch die Kavallerie und andere Fernkämpfer. Und gerade im Zeitraum der Schweizer um 1500 war die Anzahl der Fernkämpfer in einem Geviert noch verhältnismäßig gering, zumindest bei den Landsknechten. Ich würde vllt. eher einen Grund für den Niedergang - gerade bei den Schweizern - in mangelnder Innovation und Monokultur im Heerwesen sehen. Sicher, sie waren mit ihren taktischen Konzept anfangs erfolgreich, aber gerade in einer Zeit schneller Veränderungen, wie sie das ausgehende Mittelalter und die frühe Neuzeit war, muss man eben am Ball bleiben, gerade dann, wenn auf dem eigenen Fachgebiet ein Konkurrent erwächst, der einen die Stirn bieten kann.

Zu den Burgunderkriegen: Da würde ich - zumindest in den drei letzten Schlachten - noch die numerische Überlegenheit und den Überraschungsmoment/das eigene schnelle Vorrücken als entscheidend anführen.

Weil für junge Schweizer Männer im Söldnerwesen Aussicht auf materiellen Gewinn bestand (durch Plünderung und Kriegsbeute) kam es zu einer starken Ausdünnung der Bevölkerung vor allem in der Zentralschweiz.
Das ist einer der Punkte, die ich sehr interessant finde. Die Eidgenossen wären doch im europäischen Vergleich doch langfristig nicht in der Lage gewesen, sich außerhalb ihres Landes zu behaupten? - Es kommt ja eben nicht nur das begrenzte Bevölkerungspotential (habe das Buch nicht hier, aber waren das nicht nur ca. 500.000?), innere Streitigkeiten und schließlich noch die Reformation und Zwingli und später Calvin hinzu, die die inneren Streitigkeiten verstärkte und auch gegen das Söldnerwesen Stellung bezog?

Und: Welche Rolle nimmt dieses Söldnerwesen im schweizerischen Nationalbewusstsein ein? Vor ein paar Jahren hatte ich mal auf Wikipedia ein paar Artikel - speziell zu den Schlachten gegen die Habsburger gelesen - die sehr patriotisch angehaucht waren.
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μηδὲν ἄγαν
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  #12  
Alt 01.10.2007, 10:36
Benutzerbild von Kriegsknecht
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Zitat von Celebthol Beitrag anzeigen
Das ist einer der Punkte, die ich sehr interessant finde. Die Eidgenossen wären doch im europäischen Vergleich doch langfristig nicht in der Lage gewesen, sich außerhalb ihres Landes zu behaupten? - Es kommt ja eben nicht nur das begrenzte Bevölkerungspotential (habe das Buch nicht hier, aber waren das nicht nur ca. 500.000?), innere Streitigkeiten und schließlich noch die Reformation und Zwingli und später Calvin hinzu, die die inneren Streitigkeiten verstärkte und auch gegen das Söldnerwesen Stellung bezog?

Und: Welche Rolle nimmt dieses Söldnerwesen im schweizerischen Nationalbewusstsein ein? Vor ein paar Jahren hatte ich mal auf Wikipedia ein paar Artikel - speziell zu den Schlachten gegen die Habsburger gelesen - die sehr patriotisch angehaucht waren.
Die Unfähigkeit der Eidgenossenschaft sich aussenpolitisch erfolgreich zu engagieren, ist wohl in erster Linie auf ihre Organisationsform als Zweckbündnis zurückzuführen. In der Aussenpolitik kam ein koordiniertes Vorgehen eigentlich nur zu Stande, wenn man sich auf den sprichwörtlichen "kleinsten gemeinsamen Nenner" einigen konnte. Die in der Eidgenossenschaft zusammengeschlossenen Orte verstanden sich primär als militärisches Bündnis, um wirtschaftliche und territoriale Interessen gegenüber Konkurrenten von Ausserhalb zu verteidigen.

Man erkennt diese Fixierung auf die Verteidigung der eigenen "Pfründe" hervorragend an der geografischen Expansionsrichtung der einzelnen Orte. So ging es den "alten" Orten in der Zentralschweiz (Uri, Schwyz, Unterwalden) hauptsächlich um die Kontrolle des Gotthard-Passes, weil dieser eine der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen über die Alpen darstellte. Unter anderem ging praktisch der gesamte Viehtransport auf die lombardischen Märkte über diesen Pass – wer ihn kontrollierte durfte sich über Zölle entsprechend bereichern. Deshalb eroberten die Zentralschweizer auch in mehreren Feldzügen das Tessin. Die westlichen Orte (v.a. Bern) versuchten hingegen die einträglichen Handelsrouten zwischen dem oberen Rheinland/Lothringen und der Region um Lyon zu kontrollieren (Handel v.a. mit Tuch), die durch das Waadtland führten. Entsprechend richtete sich ihre Expansionspolitik eher gegen Westen. Die Zürcher wiederum prügelten sich mit den Lokalfürsten der Ostschweiz um Einfluss, was teils sogar dazu führte, dass sie sich mit dem Deutschen Kaiser gegen die anderen Mitglieder der Eidgenossenschaft verbündeten (Alter Zürichkrieg).

In dieser Konstellation lag einerseits der Grund für das Zusammenhalten der Eidgenossen gegenüber äusseren Feinden, sie war jedoch gleichzeitig auch Keim für innere Konflikte. Nicht aus Zufall enstanden viele Streitigkeiten innerhalb der Eidgenossenschaft, weil eine Fraktion einer anderen Fraktion die verlangte militärische Hilfestellung bei der Expansionspolitik verweigerte! Die Eidgenossen hielten nur zusammen, wenn sich ein starker Feind von aussen ankündigte (z.B Karl der Kühne in den Burgunderkriegen oder auch der Deutsche Kaiser in den Schwabenkriegen). Ansonsten gönnte man sich jedoch rein gar nichts. Die Tagsatzung der Eidgenossenschaft hielt fest, dass alle Orte zur Entsendung von Truppen verpflichtet waren, wenn ein äusserer Feind in das Territorium eines der Mitglieder eindrang. Wenn nun aber die Zentralschweizer ihr Gebiet im Tessin durch Aggression vergrössern wollten, waren die anderen Orte nicht zur Hilfe verpflichtet.

Wie sah das in der Realität aus? Wenn beispielsweise die Urner den Mailändern kurzzeitig Gebiete entrissen, diese jedoch wenig später wieder verloren, kam es zu einem rechtlichen Dilemma. Stellte die Rückeroberung ihrer Gebiete durch die Mailänder nun einen aggressiven Akt gegen das Territorium eines Mitglieds der Eidgenossenschaft dar? Oder waren die Urner als ursprüngliche Aggressoren selber für diese Situation verantwortlich? Häufig stellten sich die westlichen Orte wie Bern auf letzteren Standpunkt und verweigerten den Zentralschweizern die Hilfe. Dies wiederum führte dazu, dass die Zentralschweizer den Bernern ebenfalls nur zögernd Unterstützung zukommen liessen etc.

Zur Bedeutung des Söldnerwesens werde ich im Verlauf des Tages noch etwas schreiben.
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Geändert von Kriegsknecht (01.10.2007 um 17:01 Uhr).
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  #13  
Alt 01.10.2007, 17:13
Benutzerbild von Wulfnoth
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Ort: Bremen
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Mal eine kurze Frage, auch wenn es ein wenig vom Thema abweicht aber wann hat sich die Schweiz aus diesem losen Bündnis zum Staat gewandelt der sie heute ist und vor allem aus welchem Antrieb heraus?
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  #14  
Alt 01.10.2007, 22:56
Benutzerbild von Ythor
Quaestor
 
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Meiner Meinung nach war der große Vorteil der schweizer Gewalthaufen die Disziplin.
Gerade in der Zeit als die Ritter die Schlachten dominierten gingen doch viele sicher geglaubte Schlachten nur dadurch verloren das es in den Armeen an Disziplin mangelte.

Seien es Ritter die ohne Befehl einfach weil es Ehre zu verdienen gab angriffen oder Infanterieformationen die auseinanderbrachen weil die schwere Kavallarie des Gegners auf sie zukam obwohl in geschlossener Formation die Siegeschancen nicht schlecht gewesen wären.

Genau in dieser Zeit erscheinen nun die Schweizer. Die Disziplin und Organisation in diesen Haufen muss ja recht hoch gewesen sein. Ansosten kann man eine geschlossene Formation mit so vielem Männern wohl kaum führen ohne das sie auseinanderbricht. Siehe da, schon werden Ritterheere geschlagen.
Als sich dann in ganz Europa Armeen nach schweizer Vorbild bildeten war dieser Vorteil verflogen und somit verschwanden die Gewalthaufen auch wieder von der Bildfläche bzw. gab es weit weniger große Siege die auf dieser Taktik beruhten.

Stellt sich mir die Frage wieso gerade die Schweizer so disziplinierte Heere aufstellen konnten. Welche Vorraussetzungen waren hier anders als im restlichen Europa?
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Der Zynismus ist meine Rüstung, der Sarkasmus mein Schwert und die Ironie mein Schild.
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  #15  
Alt 01.10.2007, 23:09
Benutzerbild von rasputin753
Praetor
 
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Ort: München
Beiträge: 414
ich bin kein experte aber wohl das was du oben schon erwähn hast.. es waren keine ritterheere da diese wohl großteils der habsburger, burgunder seite gedient haben, dementsprechend hast du einen haufen gleichgestellter männer die nicht den drang haben hervorzustechen sondern zu überleben und ihr anliegen durchzusetzen damit hast du den persönlichen ehrgeiz hervorzustechen schon mal reduziert.
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