20.07.2008 - 04:07
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  #1  
Alt 07.05.2008, 22:41
Plebejer
 
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Justinian II. - der ungleiche Namensvetter eines großen Kaisers

Der erste der hieß noch "der Große"
der zweite nur "der Nasenlose"

dieser kurze Reim kam mir irgendwann in den Sinn, als ich mich mit Byzanz im Allgemeinden und mit Kaiser Justinian II. (regierte 685-695 und 705-711) insbesondere zu beschäftigen begann.

Anders als der bereits diskutierte Phokas war er ja kein Usurpator, sondern Mitglied der herakleischen Dynastie, ja sogar ein "Porphyrogenetos" (Purpurgeborener). Allerdings entwickelte auch er sich zum Tyrannen, insbesondere während seiner 2. Regierungsperiode. Er kam als junger Mann von 15 oder 16 Jahren an die Macht und sah in seinem Vornamen wohl eine Verpflichtung, seinem berühmten Namensvetter (527-565) nachzueifern. Er übernahm zunächst ein von seinem Vater gestärktes Reich (der hatte zwischen 673 und 678 einer Belagerung Konstantinopels getrotzt und die Araber besiegt), das er weiter gegen die islamische Expansion abzusichern versuchte. Durch teilweise mit brutalen Zwangsmaßnahmen durchgeführte Umsiedlungsaktionen wollte er in Kleinasien ein militärisches Bollwerk schaffen, indem er das so genannte Wehrbauerntum stärkte, also ein frühfeudales System errichtete (Land gegen Wehrpflicht). Die führte allerdings zu Unruhen und er wurde 695 von seinem General Leontios gestürzt, verstümmelt (ihm wurde die Nase abgeschnitten, daher sein Beiname Rhinotmetos = der Nasenlose) und ging ins Exil, zuerst nach Chersonnes auf der Krim, dann zu den Bulgaren. Leontios regierte nur 3 Jahre und wurde seinerseits - im Zusammenhang mit dem Verlust Nordafrikas (des Exarchats Karthago) an die Araber - von seinem Drungarios (Admiral) Tiberios II. Apsimar (698-705) ersetzt, wobei auch er seine Nase verlor und in ein Kloster gesteckt wurde. Tiberios wiederum kämpfte in Armenien und Syrien recht erfolgreich gegen die Araber und hätte wohl noch mehr erreicht, wenn es Justinian nicht gelungen wäre, mit bulgarischer Hilfe auf den Thron zurück zu gelangen. Natürlich ließ es Justinian nicht mit einer Verstümmelung seiner Gegner bewenden, sondern ließ beide Exkaiser zusammen am 15. Februar 706 (?) in einer demütigenden Prozession durch die Stadt schleifen und anschließend einen Kopf kürzer machen. Auch anschließend wütete er munter gegen echte oder vermeintliche Gegner weiter (wie es schon Phokas 100 Jahre zuvor gemacht hatte), bis er 711 endgültig seine Herrschaft und dieses Mal auch sein Leben verlor.

Interessant wäre es, ein paar Meinungen über diese schillernde Figur zu hören. Was überwiegt: das Staunen über seine List und Verschlagenheit oder aber der Schauder angesichts seiner Tyranneien ? Wie konnte es sein, dass ein durchaus fähiger Kaiser wie Tiberios II. keinen Rückhalt in der Bevölkerung hatte, obwohl das Volk wissen musste, was es nach einer Rückkehr Justinians zu erwarten hatte ?
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  #2  
Alt 08.05.2008, 12:38
Benutzerbild von Nichts
nobodys fault
 
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Ort: Braunschweig
Beiträge: 323
Zitat von Tertullian Beitrag anzeigen
Interessant wäre es, ein paar Meinungen über diese schillernde Figur zu hören. Was überwiegt: das Staunen über seine List und Verschlagenheit oder aber der Schauder angesichts seiner Tyranneien ?
Er hätte vielleicht einen prima Mafiakiller abgegeben, aber als Kaiser fehlte ihm irgendwie Weitsicht und das glückliche Händchen und vorallendingen nach seiner Rückkehr taten seine übermäßige Grausamkeit, Härte und Rachelust ihr übriges um seine Herrschaft zu einer schlechten zu machen. Seine Rückkehr zur Macht war irgendwie das bestmöglichste was den Arabern und Bulgaren passieren konnte.
Zitat von Tertullian Beitrag anzeigen
Wie konnte es sein, dass ein durchaus fähiger Kaiser wie Tiberios II. keinen Rückhalt in der Bevölkerung hatte, obwohl das Volk wissen musste, was es nach einer Rückkehr Justinians zu erwarten hatte ?
Vielleicht weil ihm die Legitimation fehlte, er war ja gewissermassen auch nur ein Ursopator, wenn auch kein schlechter Herrscher.

Auch hier seh ich irgendwie eine Parallele zu Maurikios.
Denn Tiberios wie Maurikios Generäle waren nach langen Kämpfen endlich erfolgreich und dem Siege nahe als sie gestürzt wurden...
__________________
Auch Demokratie ist nur eine (Geld-)Aristokratie
alles Geschriebene zeigt meine "bescheidene und nicht gefragte" Meinung.

und Ordograffi feler kan der fiender bealten
_________________________________________
BIG SCHÄUBLE IS WATCHING YOU

Geändert von Nichts (08.05.2008 um 13:50 Uhr).
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  #3  
Alt 20.05.2008, 20:03
Benutzerbild von Basileios
Plebejer
 
Registriert seit: 20.05.2008
Ort: Eberswalde
Beiträge: 26
Mich wundert eigentlich das Hollywood die Story von dem Nasenlosen nie irgendwie verfilmt hat, gibts eigentlich alles her

Das er ein grausamer Tyrann war (an der Macht) ist natürlich die Darstellung derer die ihn gestürtzt haben. Also mussten die Putschisten den weggeputschten zum Tyrann erklären um sich selbst zu legitimieren.
Das der Rhinotmetos vom Naseabschneiden zum Kopf abhacken überging ist logisch und konsequent ... wie er ja selber wusste. Das er die Bulgaren einspannte um zurückzukommen ist aus "nationalem" (was es damals noch nicht gab) Standpunkt her natürlich verwerflich, im mittelalterlich dynastischen Standpunkt her aber absolut legitim. Er war ja im Gegensatz zu seinen Gegner "rechtmäiger Kaiser", also "durfte er das".
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  #4  
Alt 21.05.2008, 21:07
Plebejer
 
Registriert seit: 07.05.2008
Ort: Musterländle
Beiträge: 37
Zitat von Basileios Beitrag anzeigen
Mich wundert eigentlich das Hollywood die Story von dem Nasenlosen nie irgendwie verfilmt hat, gibts eigentlich alles her
Wie wahr. Aber so geschichtsbewandert ist die Traumfabrik nicht. Die stehen mehr aufs Angelsächsische.


Zitat von Basileios Beitrag anzeigen
Das er ein grausamer Tyrann war (an der Macht) ist natürlich die Darstellung derer die ihn gestürtzt haben. Also mussten die Putschisten den weggeputschten zum Tyrann erklären um sich selbst zu legitimieren.
Das der Rhinotmetos vom Naseabschneiden zum Kopf abhacken überging ist logisch und konsequent ... wie er ja selber wusste. Das er die Bulgaren einspannte um zurückzukommen ist aus "nationalem" (was es damals noch nicht gab) Standpunkt her natürlich verwerflich, im mittelalterlich dynastischen Standpunkt her aber absolut legitim. Er war ja im Gegensatz zu seinen Gegner "rechtmäiger Kaiser", also "durfte er das".
Das ist immer relativ. Sein Vorfahr Herakleios ist auch als Usurpator gestartet, wenn auch gegen ein Monster namens Phokas. Leontios war zu gutmütig zu seinem Vorgänger (weil er ein alter Kunpel von Kontantin IV. gewesen sein soll), was sich bitter für ihn gerächt hat. Tiberios und sein Bruder Herakleios wurden ja hauptsächlich aus machtpolitischem Kalkül heraus geopfert - und weil er aus Sicht der herakleiischen Dynastie auch ein Usurpator war, aber beide waren wohl an Justinians 1. Sturz unbeteligt.
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  #5  
Alt 22.05.2008, 11:59
Benutzerbild von Basileios
Plebejer
 
Registriert seit: 20.05.2008
Ort: Eberswalde
Beiträge: 26
"Rachsucht" ist natürlich bei einem den sie gestürtzt, im Gesicht verunstaltet und verbannt haben irgendwie folgerichtig. Gerade der erste Justinian hatte ja beim Nika-Aufstand auch einen Usurpator gegen sich, der eigentlich gar nicht so richtig wollte Hypatios. Als Belisar den Aufstand zusammengehauen hat, konnte er den nicht einfach laufen lassen. Da war Rache Notwendigkeit.

Zum ersten mal ist er eher gestürtzt worden weil er sich mit einigen finanziellen und miltärischen Reformen unbeliebt gemacht hat und es nicht verstanden hat gegen die beiden "Parteien" durchzubringen. Er war da wohl einigermassen ungeschickt und hat die Macht und Handlungsfähigkeit als Kaiser überschätzt. Sein Aufräumen nach dem Comeback war dann der Versuch "Klar Schiff" zu machen. Irgendwie vorgezeichnet, auch das die, die ihn letztlich endgültig weggeräumt hatten ihn zum völlige Monster machen mussten (hätten ja sonst alle als Fahnenflüchtige, Meuterer und Befehlverweigerer da gestanden).

---------------------
Sicher schwer einem "breiten Publikum" das Umfeld der Story rüberzubringen. Die würden Cherson, Byzanz und die Chasaren wohl eher mit einer Nachbarregion von Mittelerde verwechseln. Nach Stonehenge fährt wenigstens ein Reisebus, also puhlt man besser zum 25. mal in der King Arthur Sage rum
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