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12.05.2008, 10:30
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Quaestor
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Registriert seit: 17.10.2007
Beiträge: 116
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Erblickeit des römischen Soldatenstandes
Stimmt! Im Detail will ich noch ein bisschen präzisieren:
Eigentlich konnte jeder Römer sich rekrutieren lassen und im frühen Prinzipat war an Kandidaten auch kein wirklicher Mangel. Augustus hatte Anfangs mehr als genug Soldaten. indem er aber die rund 60 Legionen auflöste, die während der Bürgerkriege um die Macht entstanden waren und ihre Zahl um rund 2/3 reduzierte, etablierte er das klassische, kaiserzeitliche Militär.
Die Entstehung von Soldatenfamilien lässt sich gar nicht bestreiten, sie ist ein Fakt. Es fragt sich eher wie es dazu kam? Hier geben wohl nicht zuletzt auch wirtschaftliche Gründe den Ausschlag. Die alten Legionäre hatten einst nach Ende ihres Dienstes Anspruch auf ein Landgut als Abfindung erhalten, dazu erhielten sie einige Privilegien zu denen auch (teilweise) die Befreiung von Steuern gehörte. Damit sicherte sich der Feldherr oder Kaiser, dem sie gedient hatten die Loyalität der Soldatenfamilien auch langfristig, was zum alten römischen Klientelwesen gerechnet werden kann. Aber nach Augustus wuchs das Reich nur noch wenig, es wurden keine Länder mehr erobert, in denen man nach Gutdünken Landparzellen verteilen konnte und die Veteranen wollten auch nicht unbedingt mit Land „im fernen Britannien“ abgespeist werden. Innerhalb der bisherigen Eroberungen konnte man auch nicht einfach von neuem Enteignungen durchführen um den Landhunger der Veteranen zu befriedigen. Die Landzuteilung durch finanzielle Abfindung zu ersetzen war nahe liegend, ging zusammen mit den Privilegien aber deutlich ins Geld. Was also tun?
Man verfiel auf eine weitere Lösung des Problems, indem man die Einstellung von Veteranensöhnen in die Armee vorzog. Warum? Nun, die Privilegien eines Veteranen waren (z.T.) durchaus erblich und damit würde die nächste Generation von Veteranen nicht zu weiteren Steuerausfällen führen. Außerdem ererbten die Nachkommen von Veteranen ja schon Landparzellen, da war ebenfalls Sparpotential… Gleichzeitig verstärkte die Förderung von Veteranensöhnen die Bindung von deren Familie an das Kaiserhaus und den Staat. Diese Linie wurde relativ konsequent umgesetzt, ungeachtet einiger Unregelmäßigkeiten. In letzter Konsequenz wurde in der Spätantike der Soldatenstand sogar erblich und die Söhne von Veteranen waren verpflichtet selbst Soldaten zu werden. Die Soldatenfamilien wurden auf Dauer durchaus sehr wohlhabend, wie es sich im archäologischen Befund auch in Deutschland niederschlägt. Sie sind also nicht einfach als Betrogene (um Abfindungen) anzusehen! Als der Soldatenberuf immer unbeliebter wurde, suchten sich manche Soldatensöhne durch Selbstverstümmelung der Rekrutierung zu entziehen. Dagegen sind harte Strafen überliefert. Manche Kaiser ließen diese Selbstverstümmelung und selbst das Fehlen eines Daumens nicht mehr als Grund für die Ausmusterung gelten, was in Gesetzen hinterlegt ist. Es fragt sich was der „Krüppel“ in der Armee noch leisten konnte? Hier kann ich nur spekulieren: Gewiss wurden ihm die unangenehmsten Aufgaben im Militär zugewiesen, denn zum eigentlichen Kampfdienst war er ja ungeeignet. Innerhalb der Kameradschaften wird es der Selbstverstümmelte zusätzlich schwer gehabt haben, was sich bestimmt herumsprach.
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24.06.2008, 21:05
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Quaestor
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Registriert seit: 17.10.2007
Beiträge: 116
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Ich habe zwar deutlich gemacht, wie wenig "national" das Selbstverständnis als Römer war, doch hat es dabei durchaus auch Entwicklungsschübe und Probleme gegeben, die aber bis zur Spätantike überwunden werden konnten. M.E. wurde dabei das von mir postulierte Selbstversändnis bewahrt.
Wo gab es Brüche oder Probleme?
- Der Bundesgenossenkrieg: Dabei ging es um Verleihung des römischen Bürgerrechts!
- Ablehnung der Gallier in der Zeit nach der Eroberung
- Hohe Hürden für freigelassene Sklaven
- Durchsetzung eines "römischen Selbstverständnisses" zuerst einmal "nur" für die Italiker unter Augustus...
Sieht jemand weitere Fälle? Waren das Brüche? Oder war eurer Ansicht nach der Bruch eher die allgemeine Verleihung des Bürgerrechtes? Meine Ansicht habe ich ja dargestellt.
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24.06.2008, 23:04
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Konsul
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Registriert seit: 04.08.2007
Ort: da, wo Deutschland am Schönsten ist
Beiträge: 827
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Die Römer dachten nicht "national", sondern ihre Gesellschaft baute auf einer extrem konservativen Religion auf.
Brüche in der römischen Gesellschaft sind also zwangsläufig auf religiöse Brüche zurückzuführen.
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24.06.2008, 23:42
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Quaestor
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Registriert seit: 17.10.2007
Beiträge: 116
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Religionsausübung war bei den Römern sicher eine gemeinschaftsfördernde und damit auch politische Angelegenheit. Aber beim Bundesgenossenkrieg (91-88 v.Chr.)hat die religöse Komponente doch wohl keine Rolle gespielt, oder siehst du das nur als Entwicklungsschub?
Außerdem war die römische "Staatsreligion/Staatskult" zwar konservativ, aber nicht inflexibel, denn die Trias der höchsten römischen Götter war zu Beginn eine Andere als die "klassische" und man nahm durchaus auch fremde Götter mit auf oder setzte sie wenigstens mit eigenen Gottheiten gleich (Interpretario Romana)
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24.06.2008, 23:56
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Konsul
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Registriert seit: 04.08.2007
Ort: da, wo Deutschland am Schönsten ist
Beiträge: 827
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Die Flexibilität in Bezug auf Götter hat nur wenig mit dem Grundsystem der Gesellschaft gemein. Das ganze römische Gesellschaftssystem basierte auf der Religion, was vor allem in der Agnatio ersichtlich wird. Und dieses Grundprinzip durchzog die Gesellschaft vom Anfang der Stadt bis zum Ende des Reiches und es bedurfte Jahrhunderte, um dieses in Teilen zu modifizieren, da auch das ganze römische Rechtssystem sich auf die tiefe Verwurzelung der Religion in der Gens stützte. Speziell die Ehegesetzes des Augustus waren ein solcher, für die römische Gesellschaft, extrem großer Bruch.
Und damit wäre deine Frage nach der religiösen Komponente beim Bundesgenossenkrieg schon beantwortet.
PS: Gut sieht man die Verwurzelung der Religion auch in den 12 Tafel Gesetzen.
Geändert von Titus_Livius (25.06.2008 um 00:04 Uhr).
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01.07.2008, 22:32
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Quaestor
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Registriert seit: 17.10.2007
Beiträge: 116
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Die starke Komponente der Religion in der römischen Gesellschaft ist nicht neu, war aber in allen Gesellschaften der klassischen Antike dominierend. Die erwähnte Agnatio ist letztlich ein Teilaspekt des Patriarchats, doch das war ebenfalls bei den meisten Völkern nicht nur des Mittelmeerraums üblich. Die Religion war immer fest verwurzelt in der Gens, also der ethischen Abstammung.
Die Unterschiede der römischen Religion gegenüber vielen anderen Völkern lagen in anderer Hinsicht. So konnte niemals ein Priester großen politischen Einfluss gewinnen. Im Gegenteil waren die Oberpriester immer Teil der politischen Führungsklasse und ihre Ämter Teil im cursus census, der Laufbahn eines römischen Politikers, wo sich "zivile"- mit militärischen Ämtern abwechselten, worunter auch Priesterämter gehören konnten. In der frühen Republik wirkten die Priesterkollegien auch oft als politisches Korrektiv! Die eigentlichen "Opferhandlungen" und Riten überließ man minder angesehenen "Spezialisten". Ähnlich wenig direkten Einfluss hatten Priester nur in wenigen Gesellschaften jener Zeit im fraglichen Raum. Griechische oder germanische Priester waren ähnlich weit im Hintergrund. Dagegen spielte die Religion in der Levante eine erheblich größere Rolle und von dort sollten auch die zukunftsweisenden Impulse im Laufe der Geschichte erfolgen, bis hin zum Islam!
Am Besten lässt sich das Wesen der meisten alten Religionen an den Vorschriften im Alten Testament der Bibel erkennen: Gott/Götter erwarteten von den Menschen, dass sie ihre Regeln und Gesetze einhielten. Wenn nicht, drohte ihre direkte Strafe. Das Gleichgewicht zwischen Gott/Göttern durfte nicht gestört werden, wenn derartiges geschah, wurde nach festgelegten Regeln die Gemeinschaft entsühnt.
Nicht der einzelne Mensch stand dabei im Fordergrund, sondern die Gemeinschaft als Ganzes! Der Frevel konnte etwa durch den Tod des Frevlers, oder durch fest reglementierte Opfer gesühnt werden, die sich nach der Schwere des Frevels richtete mit dem Ziel Schaden von der GEMEINSCHAFT abzuwenden. Auch dies findet sich in der Bibel, wo Gottes Strafe über das Volk der Israeliten oder Juda hereinbricht, wobei es ausreichte, dass der König frevelt!
Auf die generell auch religiöse Funktion alten Königtums möchte ich nicht weiter eingehen, sie ist auch noch im Mittelalter zu finden. In Rom wurde nach Vertreibung der Könige in der Republik dessen Funktion aufgespaltet, indem verschiedene Ämter seine Funktionen übernahmen. Die politischen Funktionen landeten überwiegend bei den Konsuln, während die religiösen Funktionen letztlich der Pontifex Maximus repräsentierte (was ebenfalls ein politisches Amt war!). Durch jährliche Ämterwechsel und Aufteilen auf diverse Amtsstellen wurde eine Konzentration der Macht und des Einflusses so weit als möglich verhindert. Der Pontifex Maximus hatte die Aufgabe die verschiedenen Kulte zu überwachen und dafür zu sorgen, dass alles Fehlerfrei zuging und jeder Gott zu seinem Recht kam.
Gerade die Masse der italischen Bundesgenossen beteten zu den gleichen Göttern wie die Römer. Es war leichter die Götter zu integrieren, als die politische Elite der Bundesgenossen in das beschriebene römische System einzubinden. Der Bundesgenossenkrieg war sicherlich nicht die Konsequenz von Verwerfungen durch religiöse Neuerungen. So lange die Reichsbewohner den Staatskulten und der obersten Trias ihren Respekt und Opfer nicht verweigerten, waren die Römer in religiöser Hinsicht weit toleranter als es sich bei dir liest.
Übrigens war es gerade Augustus durch seine Ehegesetze und andere Erlasse, die erst ein italisches Bewusstsein etablieren sollte, das an die Stelle des einst engeren römischen Horizontes trat. In der Folge der Etablierung des Prinzipats (=Kaisertums) durch Augustus verloren die Senatoren "alter stadtrömischer Herkunft" ihre Mehrheit im Senat endgültig und für alle Zeiten. Die Bürgerkriege hatten ihren Tribut gefordert! Noch nach dem Bundesgenossenkrieg waren Senatoren, die nicht "stadtrömischer" Herkunft waren eher die Ausnahme. Ich fürchte deine Erklärung des Bundesgenossenkrieges durch religiöse Verwerfungen ist nicht recht Stichhaltig.
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