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03.05.2008, 17:01
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Tribun
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Registriert seit: 17.10.2007
Beiträge: 76
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Selbstverständnis der Römer und ihr übernationales Reich von den Anfängen bis zum End
Es wird so viel über das Römische Reich und seine Eigenheiten diskutiert, das ich hier mit einem längeren Beitrag versuchen will einige wichtige Eckpunkte zum Verständnis von dessen Eigenheiten festzumachen. In diesem Spannungsfeld bewegen sich Argumentationen über Romanisierung und Barbaren. Trotz der Länge kann der behandelte Zeitraum von (theoretisch) 1000 Jahren nicht erschöpfend sein und konzentriert sich mehr auf die späte Republik und das Kaiserreich bis zum Untergang des Weströmischen Reiches.
Politik gegen Herkunft – oder der römische Sonderweg:
Wie konnte in einer Anfangs kleinen Stadt am Tiber, die Wurzel eines der größten und mächtigsten Weltreiche der Geschichte werden? Eines Reiches, dessen Geschichte nicht plötzlich beginnt, nur um wenige Generationen später wieder spurlos von der Bildfläche zu verschwinden? Reiche, die plötzlich entstehen und rasch vergehen hat es oft in der Geschichte gegeben. Diesen fehlte es an einem inneren Zusammenhalt, oder waren oft innerhalb kurzer Frist erobert worden nur um beim ersten Anzeichen der Schwäche wieder zu verschwinden. Ein gutes Beispiel dafür ist das Reich der Hunnen:
Mächtig und gewaltig beherrschten sie die Länder des Barbaricum und ihre Völker vom Schwarzen Meer bis vielleicht zur Nordsee. Rom erzitterte vor ihnen! Man zahlte Tribute und die Hunnen verhinderten gewaltsam das Ausbrechen weiterer Barbarenvölker aus ihrem Machtbereich. Eine eiserne Klammer hielt weitere Völkerschaften von den römischen Grenzen fern. Doch beim Tode ihres machtvollen Königs Attila zerbrach diese Schöpfung und das gefürchtete Volk verschwindet, fällt zurück in das Dunkel der Geschichte aus dem es so plötzlich gekommen war.
Ein solches Reich war das Römische Reich nicht! Es wirkte auch nach seinem Untergang weiter. Seine Sprache blieb im Abendland die Sprache der Gebildeten bis zum Ende des Mittelalters, weit über 1000 Jahre nach seinem Untergang! Seine letzte Staatsreligion, das katholische Christentum behielt sie als Kultsprache bis vor wenigen Jahrzehnten bei, dabei war dies nicht das einzige Nachleben Roms im Abendland! Was also ist so besonderes an Rom, solche Nachwirkung entwickelt zu haben?
Die Geschichte Roms beginnt mit einer von Sagen umrankten Stadtgründung durch Romulus. Schon diese Gründungslegende war ungewöhnlich: Nicht ein Volk, eine Sippe oder Clan war aufgebrochen um ein neues Leben zu führen wie bei den Juden, als Abraham von Gott berufen in das verheißene Land zog mit seiner Großfamilie um unter dem Segen Gottes zu einem zahlreichen Volk zu werden. Nein! Vergil berichtet, dass Romulus eine Freistatt für alle Willigen und Verfolgten eröffnete, wo jeder Neuankömmling willkommen war: Ungeachtet seiner Herkunft oder seines Standes. Sklaven wie Freie aus allen umliegenden Völkerschaften sollen dort eine neue Heimat gefunden haben. Als durch den Frauenmangel diese neue Stadt in seinem Fortbestand gefährdet war, raubte man diese bei den benachbarten Sabinern und schloss anschließend mit ihnen Frieden und ein Bündnis.
So weit die Legende, doch Rom handelte weiterhin auf diese Weise. Die Römer verstanden sich nicht primär als Abstammungsgemeinschaft („Blut & Boden“-Ideologien wie der Faschisten waren ihnen also völlig Fremd), sondern als politischen Bund. Die Römer waren stolz auf ihre Völkerumfassende Staatsbildung. Polybius betont in seiner Geschichte die Leistung der Römer ein Reich gegründet zu haben, das teils durch Gewalt, teils durch eher freiwillige Angliederung (etwa die ehemaligen Bundesgenossen des Italischen Bundes) aus der bewohnten Kulturwelt einen einzigen Verkehrsraum, ein organisches Ganzes gemacht hatten. Livius schreibt: „…indem niemand wegen seiner Herkunft abgelehnt wurde, sofern er nur tüchtig war, wuchs das Römische Reich“
Diese offene Politik zog besonders die Oberschicht benachbarter Gruppen an sich Rom anzuschließen und Rom gab ihnen willig das Bürgerrecht, sicherte es sich doch auf diese Weise die Herrschaft über deren Anhang und Ländereien. Berühmte Beispiele dafür sind die Übersiedlung der Claudier (späteres Kaiserhaus) im Jahre 504 v. Chr. aus Regillum nach Rom, oder wie Kaiser Claudius im Jahre 48 n. Chr. den Galliern das ius honorum verlieh und sie zu Bürgern machte. Schon Cicero stellte diese mehrfache Identität jedes Bürgers fest, der gleichermaßen Bürger seiner Gemeinde und angehöriger eines Volkes war, das sich selbst durch Sitte, Religion und Sprache als Eigenständig definieren konnte – und doch gleichzeitig ein Römer! Als verbindendes Element über diese Herkunft hinaus, war die politische Klammer des gemeinsamen Römertums auf das man lernte Stolz zu ein und welches die Völker im Reich zusammenhielt! Die „Neurömer“ versuchten sich so gut als Möglich in dieses System zu integrieren, durch ihre Verantwortung bei ihren Herkunftsvölkern hatten sie die Chance deren Romanisierung voranzutreiben indem man Elemente römischen Lebens bei sich einführte: Aquädukte, Straßen und gemeinsame Bauformen formten das einheimische Leben um, die lateinische Sprache wurde gefördert, römische Sitten eingeführt. Nur so zeigte man seinen Nachbarn ein „echter Römer“ zu sein. Das bekam Vorbildcharakter für die übrigen Mitglieder der alten Gemeinschaften, die ihnen Nacheiferten. Die römischen Statthalter förderten und lobten solches Bestreben nach Möglichkeit und verstärkten so die Wirkung der Romanisierung. Jene, die sich um ihre Gemeinden und das Römertum verdient machten, wurde gerne das erstrebte Bürgerrecht verliehen. Dieses Bürgerrecht war dann die Eintrittskarte zu besseren Verbindungen, eine politische Karriere oder Handelsprivilegien. Es lohnte sich Bürger Roms zu werden und die integrierten Führer der einheimischen Völker zogen ihr Klientel nach sich, denn um ihnen zu gefallen lohnte es sich für sein Umfeld nun seinerseits den Römern nachzuahmen.
Es ist dabei kein Widerspruch, wenn sich der Osten des Reiches aufgrund der vorhergehenden Hellenisierung nicht lateinisierte, sondern gräzisierte. Die politische Loyalität des Griechentums im römischen Reich steht völlig außer Frage! Rom anerkannte die Überlegenheit der griechischen Kultur und ließen deren Besonderheiten als Vorbild für Rom selbst frei gedeihen und integrierten auf diese Weise das Griechentum völlig in das politische Römertum. Die interpretatio romana, mit dem Ausdrucksformen in Kultur und Religion der Griechen mit römischen Institutionen und Göttern gleichgesetzt wurden, ermöglichten einen nahtlosen Übergang von Griechentum zu Römertum und deren Gleichsetzung. Die überlegene griechische Kultur konnte auf diese Weise sehr stark die römische Welt prägen und beeinflussen, was die Herrschaft der Römer im Osten bald nach der Eroberung nicht mehr als Fremdherrschaft erscheinen ließ.
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03.05.2008, 17:02
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Tribun
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Rominisierung, Gräzisierung und Christianisierung
Rominisierung, Gräzisierung und Christianisierung
Es machte keinen Unterschied ob man Griechisch oder Latein sprach, beides galt als Ausdruck des Römertums und Kultur- wie Umgangssprache des Reiches. Die übrigen, einheimischen Sprachen der Völker des Reiches wurden lateinisch im Westen – und griechisch im Osten überschichtet, wenn sie lokal auch teils weiter bestanden. Das spätere Oströmische Reich sprach in der Regel Griechisch, das Weströmische Reich Latein. Daneben gab es zahlreiche Sprachinseln der jeweils anderen Sprache. Sizilien war noch im 4. Jht. zweisprachig (Griechisch und Latein), ebenso Teile Süditaliens. Um Arles und Massilia (Marseille) hielt sich die griechische Sprache ebenfalls bis ins Mittelalter. Daneben spielte das Griechische auch im Fernhandel des Westens eine große Rolle. Im Osten erhielten wenige Veteranenkolonien lateinische Sprachinseln, wie die von Agrippa im Jahre 15 v. Chr. angelegte Stadt Berytos. Ebenfalls herrschte Latein als militärische Umgangssprache in stark durch die Armee geprägten Gegenden vor, wie etwa an der unteren Donau. Auch die spätere neue Hauptstadt des Oströmischen Reiches Konstantinopel blieb lange zweisprachig, obgleich es auf einer älteren griechischen Stadt gründete. Griechisch setzte sich erst nach Justinian endgültig durch, als die dortigen Kaiser selbst griechischer Zunge waren. Die lateinische Verwaltungs- und Umgangssprache hatte dort die Gräzisierung also einige Zeit behindert. Die einheimischen Volkssprachen leben neben diesen beiden Verkehrssprachen des Reiches durchaus weiter. Erst die Christianisierung mit seiner anfangs griechischen Kultsprache verdrängten schließlich die kleineren Sprachen endgültig.
Indem Papst Damasus im Jahre 380 die Liturgie in Rom lateinisierte, legte er den Grundstock für die lateinische Kirchensprache. Dies zeigte sich als neuer Motor der Lateinisierung im Westreich. Einige Völkerschaften in abgelegenen Gebieten, die sich bislang der Lateinisierung verschlossen hatten wurden über den Umweg der Christianisierung doch noch gewonnen, was etwa für Teile Spaniens zutrifft. So wurden viele Pyrenäenstämme erst während der Herrschaft der Westgoten über die Kirchensprache lateinisiert, als das Weströmische Reich bereits verschwunden war! Dagegen konnten sich in der Regel nur jene einheimischen Sprachen behaupten, die selbst zu Kirchensprachen aufstiegen. Dazu gehörten im Osten das Koptische in Ägypten, sowie das Syrische und Aramäische an der östlichen Peripherie. Sondersprachen wie das Hebräische scheinen sich auch durch ihre Bedeutung im Kult erhalten zu haben. Indem der Gotenmissionar Wulfia die Bibel in seine Sprache übersetzte, trug er zum Erhalt der nationalen Eigenheiten der arianischen Goten in ihrem römischen Umfeld bei, die obgleich mit der Zeit weitgehend romanisiert, doch zäh an ihrem Volkstum und der germanischen Sprache festhielten. Vielleicht hat diese Tat erst die germanischen Sprachen vor einer noch weitergehenden, lateinischen Überschichtung bewahrt? Aus diesen kulturellen Aspekten erklärt sich die weitere, politische Bedeutung der Christianisierung als zusätzliche Klammer des politischen Römertums in der Spätzeit! Die alten Volkssprachen hatten nicht zuletzt in den heidnischen Kulten ihr Refugium immer erhalten!
Träger der Romanisierung wie der Gräzisierung waren durchweg die Oberschichten der unterworfenen Völker gewesen, während die jeweiligen Unterschichten nationale Eigenheiten noch lange bewahrten. Ein Mann der Oberschicht, der sich nicht als vollendeter Römer geben konnte und zu viele nationale Besonderheiten durchscheinen ließ, konnte sich in seinen Kreisen leicht einer gewissen „Rückständigkeit“ verdächtig machen. Durch den späteren Zusammenbruch des römischen Überbaus über die Provinzen lockerte sich diese Klammer bedeutend und die nationalen Eigenheiten der Regionen brachen wieder hervor, oder es fand eine Anpassung an die Kultur von Eroberern an. Besonders hier bewies sich die Zählebigkeit der christlichen Religion als starke Stütze der „römischen Eigenheiten“ und ihr Gegensatz zu als Häresien aufgefassten christlichen Sonderformen – wie gegenüber dem bei Germanen häufig anzutreffenden arianischen Bekenntnis.
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03.05.2008, 17:04
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Tribun
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Die Herausforderungen der Völkerwanderung für das innere Gefüge des Reiches
Die Herausforderungen der Völkerwanderung für das innere Gefüge des Reiches:
Die Erinnerung an die großzügige Romanisierung aus der Blütezeit des Imperiums war auch in der Spätzeit noch nicht verblasst, als es darum ging neue Völkerschaften aufzunehmen oder zu integrieren. Diese, durch die Wirren der Völkerwanderung in den römischen Herrschaftsbereich gedrängt Gruppen flohen nicht selten vor stärkeren Völkerschaften ins Reich und ihr militärisches Potential war den Kaisern sehr erwünscht. So lange das Reich stabil war, gelang es meistens kleinere Einsprengsel neuer Ethnien zu romanisieren. Der berühmte Rethor Themistios unterstützte mit diesen Argumenten die Ansiedlung der Goten nach dem Hunnensturm im Reich. Schließlich hatte man schon zahlreiche Völkerschaften erfolgreich eingegliedert. Obwohl die neuen germanischen Völkerschaften im Reich sich in der Regel schnell christianisierten, gelang es durch die besonderen Bedingungen der Völkerwanderungszeit nicht mehr sie auch vollständig zu romanisieren. Daran ist nicht zuletzt der „nationalrömische Widerstand“ paganer Prägung schuld, wodurch der kulturelle Gegensatz zu den „Barbaren“ zusätzlich verstärkt wurde. Die neu im Reich lebenden Foederaten waren zwar politisch erwünscht und geduldet, sowie militärisch unbedingt Notwendig – doch wurden sie sozial nur als Barbarisch ausgegrenzt. Einzig die Militäraristokratie des Reiches, zu denen auch die Kaiser gehörten, verband sich auch in Ehen mit den Führern der Foederatenvölker. In senatorische Kreise vermochten sie fast niemals einzuheiraten. Mochten die Eindringlinge auch den römischen Namenssuffix Flavius annehmen und sich mit römischen Titeln und Ämtern schmücken, sie blieben in den Augen vieler Römer doch Fremdkörper. Man lachte über ihr langes Haar, das bei ihren Völkern Ausdruck hohen sozialen Ansehens war; über die pelzverbrämte, repräsentative Kleidung; die „unziemlichen Hosen“ der Männer und ihre „schrecklich ungebildete Sprache“, welche die Römer selbst nicht verstanden. Während die Übergriffe der militärisch immer erfolgreicheren Fremden gegenüber römischem Widerstand helle Aufschreie der Empörung in der römischen Welt hervorriefen, feierte man im Reich anfangs blutig die eigenen Siege in sinnlosen Zurschaustellungen der eigenen Macht. So wurden gefangene Franken und ihre Könige in Trier den wilden Tieren zum Fraße vorgeworfen, klagten Männer der römischen Oberschicht über den Selbstmord gefangener Sachsen, die man doch hatte in der Arena dem Mob vorführen und opfern wollte. Diese Brutalität verschwand mit der Christianisierung des Reiches, doch der dahinter stehende Geist blieb wach.
Mehrfach entlud sich dieser Gegensatz in Exzessen römischen Mobs auch gegenüber für sie kämpfenden Germanen. Als etwa der Halbgermane Stilicho gestürzt wurde, massakrierten römische Bürger in Mailand die Angehörigen germanischer Truppen, die fern von Italien die römischen Grenzen bewachten. Die derart Ausgegrenzten rächten sich ihrerseits in manchem Übergriff und begegneten der Herablassung der Römer mit ihrem Stolz auf die eigenen Traditionen. Ja ließen sich mit Stolz einen „Barbaren“ nennen, dessen Begriff sie für sich selbst mit neuem Inhalt füllten. Nur „Barbaren“ kannten ihrer Meinung nach Werte wie Mut, Treue, Stolz, wahre Kriegerschaft und Ähnliches. Römer dagegen schienen den einfachen Barbaren zunehmend falsch, verschlagen, hinterlistig und feige. Gerne übernahm man Teile ihrer bewunderten Kultur, doch ihre Lebensart übernahm man nicht mehr. Bezeichnend dafür ist wie die Barbaren aus einem römischen Schimpfwort, welches tölpelhafte, träge Stärke bezeichnet das hehre „Stolz“ ableiteten, welches heute für ein starkes, oft überzogenes Eigenbewusstsein steht.
Statt selbst romanisiert zu werden, „barbarisierten“ durchziehende Völkerschaften nun zunehmend römische Reichsbewohner, die sich unter ihnen ein besseres Los versprachen. Wer ein tüchtiger Krieger war, konnte es in einem Foederatenheer ungeachtet seiner Herkunft durchaus schnell zu etwas bringen. Beispielsweise berichtet der römische Diplomat Priscus von Panium, wie er bei seinem Besuch am Hofe Attilas irgendwo nördlich der Donau von dortigen Kriegern und selbst hohen Würdenträgern auf Griechisch angesprochen wurde. Es stellte sich heraus, das sie einst römische Bürger gewesen, aber in die Hände der Barbaren gefallen und nun selbst Barbaren geworden wären, indem sie es durch Mut und Tapferkeit zu etwas gebracht hätten. Gleiches berichtet Ammian aus der Vorgeschichte zur für die Römer so fatalen Schlacht von Adrianopel im Jahre 378, das sich Sklaven, germanische Laeten und schlecht behandelte Bergarbeiter Thrakiens den Goten angeschlossen hätten.
Geändert von tejason (03.05.2008 um 17:15 Uhr).
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03.05.2008, 17:05
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Tribun
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Registriert seit: 17.10.2007
Beiträge: 76
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Das Nachleben Roms in Untergang und Mittelalter
Das Nachleben Roms in Untergang und Mittelalter
Der Aufstieg Roms ist also nicht Zuletzt Folge ihrer erfolgreichen Bemühungen unterworfene Völker in ihr Reich einzubauen und selbst zu Römern zu machen. Römer sein war ein politisches Bekenntnis und der übernationale Reichsgedanke konnte Menschen der unterschiedlichsten Abstammung zu einer staatlichen Organisation einigen. Als die Zeit der Expansion zu ende war, suchten die Kaiser durch die Christianisierung eine weitere, eine religiöse Klammer zu diesem politischen Bekenntnis hinzu zu fügen, nachdem sich die alten Staatskulte dafür als zu schwach erwiesen hatten.
Das Römische Reich selbst ging unter, als es ihm nicht länger gelang mit der Herausforderung durch neue Völkerschaften fertig zu werden, die sich Anfangs durchaus willig dem römischen Verbund anschließen wollten. Indem man die Neuankömmlinge aber nicht ausreichend integrierte (wollte oder konnte?), entwickelten diese ein starkes Sonderbewusstsein innerhalb des Reiches, was zu einer starken Territorialisierung und letztlich zum Zerbrechen des Weströmischen Reiches führte. Die von den neuen Völkern entwickelte Identität wurde seinerseits unterschiedlich prägend für das römische Umfeld in dem sie lebten. Aus diesen beiden Wurzeln erwuchsen die meisten der heute noch existierenden Völker und Nationen Europas.
Im Christentum gelang es beiden Gruppen eine gemeinsame Zukunft zu finden, wobei sich die römischen Traditionen durchsetzten und der Katholizismus als Sieger hervorging. In der nun folgenden mittelalterlichen Geschichte konnte ein Volk in der abendländischen Gemeinschaft nur dann einen Platz finden, wenn er sich mit dem katholischen Christentum arrangierte. Alle Sonderwege – ob Heidnisch oder Muslimisch – scheiterten dabei. Das Christentum erwies sich als nicht stark genug alleine die zerbrechende römische Identität zu bewahren, doch entkam es somit der Vereinnahmung seiner Religion als Römische Staatsreligion. Diese Vereinnahmung hatte zuvor zu gewaltigen und gewaltsamen Spannungen innerhalb der jungen Kirche geführt und nicht nur zu Spannungen mit altgläubigen Heiden. Sie emanzipierte sich in Mittel- und Westeuropa von der kaiserlichen Vormacht, was zu den politischen Konflikten des Mittelalters fortführte. Andererseits löste sie sich nicht von der Politik, was erst gegen Ende des Mittelalters gelang. Erst dann war eines der mächtigsten römischen Institutionen von den Traditionen des Römischen Reiches gelöst.
Es sollte bis zum Jahre 800 n.Chr. dauern, ehe der Franke Karl der Große den Gedanken eines übergeordneten, multinationalen Reiches mit einem Kaiser an der Spitze im „lateinischen Westen“ wieder belebte. Das von ihm gegründete, so genannte Heilige Römische Reich knüpfte bewusst an alte, römische Reichsgedanken an, doch mit den Mitteln seiner Zeit: Feudalismus und Christentum. Es sollte noch einmal fast 1000 Jahre bestehen, ehe es durch den Sturmlauf der französischen Revolution endgültig zerbrach. Seine eigene Wirkungskraft war zu diesem Zeitpunkt längst erloschen, sein östliches Gegenstück: Das Byzantinische Reich war bereits 1453 unter gegangen.
Kern meines Beitrages ist jedoch das alte, Römische Reich. Mit seinem Nachleben wird die angesprochene Zeit auf etwa 2000 Jahre aufgebläht. Dies sollte dann nicht mehr Thema einer eventuellen Diskussion sein.
Danke für die Aufmerksamkeit all jener Wackeren, die alle Beiträge gelesen haben.
Geändert von tejason (03.05.2008 um 17:53 Uhr).
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03.05.2008, 19:54
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The Censor
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Registriert seit: 29.01.2005
Ort: Bremen
Beiträge: 5.757
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Du schreibst, dass so etwas wie Fremdenhass in der römischen Bevölkerung erst in der Spätantike aufkam. Ist das so wirklich zutreffend?
Bei deinen Gegenbeispielen handelt es sich um die Integration von Italikern oder kulturell gleichwertigen Hellenen.
Erregte nicht schon Caesar Widerstand als er Legionen in Gallia Cis- und Transalpina rekrutierte oder erzeugte seine Affaire mit Kleopatra nicht ebenfalls Hass? Soweit ich weiß erzeugte auch die Verleihung des Bürgerrechts an alle freien Bewohner des Reiches unter Caracalla massiven Widerstand.
Ist es nicht viel eher so, dass in der Spätantike einfach nicht die Zeit für die Anpassung blieb. Im Oströmischen Reich, in das ja ebenfalls massiv Barbaren eingefallen waren sind mir keine nachhaltigen ethnischen Spannungen bekannt. Die Reichsidee scheint dort auch nach Überwindung des Slawensturms genug Bindungskraft gehabt zu haben.
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Wenn es morgens um sechs Uhr an meiner Tür läutet und ich sicher sein kann, daß es der Milchmann ist, dann weiß ich, daß ich in einer Demokratie lebe.
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04.05.2008, 05:50
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Tribun
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Registriert seit: 17.10.2007
Beiträge: 76
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Zitat von Wulfnoth
Du schreibst, dass so etwas wie Fremdenhass in der römischen Bevölkerung erst in der Spätantike aufkam. Ist das so wirklich zutreffend?...
Ist es nicht viel eher so, dass in der Spätantike einfach nicht die Zeit für die Anpassung blieb. Im Oströmischen Reich, in das ja ebenfalls massiv Barbaren eingefallen waren sind mir keine nachhaltigen ethnischen Spannungen bekannt. Die Reichsidee scheint dort auch nach Überwindung des Slawensturms genug Bindungskraft gehabt zu haben.
Nein das schreibe ich so nicht! Das politische Selbstverständnis Roms war kein primär Völkisches. Es sah sich als eine Gemeinschaft der Besten! Wer dazu gehören wollte musste sich profilieren und Rom einen Vorteil verschaffen und selbst sichtbar zum Römer werden. Mit diesem elitären Selbstbewusstsein geht Verachtung des Fremden, oder zumindest des „allzu fremden“ in Sitte, Lebensart und dergleichen natürlich parallel. Es lag am Fremden dies zu ändern… Roma aterna, Rom sollte ewig sein!
Den Griechen und Italikern fiel es verständlicherweise recht leicht das in Rom Gewünschte zu bieten. Es wäre einen eigenen Thread wert auf die Romanisierung an sich einzugehen, denn sie verlief überall im Reich etwas anders. Allen Provinzen gemeinsam musste sein ein Bekenntnis zu Rom, seine Führungsrolle und das Akzeptieren seiner kulturellen Vorgaben. Dazu gehörten grundlegende Sitten und Gebräuche, sowie die Organisation in eine civitas, also eine Gemeinschaft mit städtischem Kern. War doch das Reich theoretisch ein Städtebund unter Führung Roms. Man musste sich darum bemühen.
Caracallas allgemeine Verleihung der Bürgerrechte war ein deutlicher Bruch dieser Tradition. Römer zu werden sollte bis dahin das Ergebnis eigener Anstrengungen oder wenigstens das Verdienst der Vorfahren sein. So "völlig ohne Gegenleistung" wurden Peregrine, also Bewohner minderen Rechts, den tatsächlichen Bürgern gleichgestellt. Parallel dazu fiel die Steuerfreiheit Italiens und mancher Privilegien, was die „Altbürger“ nicht gerne sahen! Dieser Schritt trug jedoch der bereits fortgeschrittenen Romanisierung des Reiches Rechnung.
Die Spätantike ließ allen Seiten wenig Zeit sich anzupassen, was zu vielen Ausbrüchen führte. Vor allem aber hatten sich die Vorzeichen geändert! Das Römische Reich war nicht mehr unbestrittene Herrscherin, sondern musste erkennen alleine nicht mehr mit den äußeren Bedrohungen fertig zu werden. Die wirtschaftliche Anziehungskraft des Reiches blieb hoch, doch die Notwendigkeit sich ihm völlig Unterzuordnen war nicht länger gegeben. Die Reichsidee blieb relativ attraktiv, behauptete aber nicht mehr unumstritten seine Bedeutung.
Im Oströmischen Reich kam es sehr wohl zu massiven Ausbrüchen ethnischer Spannungen, die in ihrem Ausmaß oft genug drastischer waren als im Weströmischen Reich. Auch hier dominierten schließlich die „Barbaren“ das Militär und saßen oft nahe den Schalthebeln der Macht. Das Volk akzeptierte dies nicht und stürzte mehrfach scheinbar allmächtige Fremde in der Reichhierarchie! Das beste Beispiel hierfür ist m.E. der Gainas-Aufruhr.
Gainas war Heermeister und stützte sich auf die Kampfkraft seiner Armee, die vornehmlich aus foederierten Goten bestand – wie er selbst Gote war. Die Goten aber waren arianischen Glaubens. Diese Spielart des frühen Christentums war aber seit Theodosius I. (d. Gr.) nach mancherlei religiösen Spannungen nicht mehr in Konstantinopel geduldet. Die Soldaten murrten! Es gab Tausende in der Stadt und sie verlangten für sich eine arianische Kirche und zeigten Anstalten dies auch durchzusetzen. Da stand das Volk von Konstantinopel auf und drängte die Soldaten aus der Stadt. Zahlreiche wurden von ihnen erschlagen, Gainas gestürzt und verjagt. Die Bevölkerung machte Jagd auf „Barbaren“ in der Stadt und wer nicht fliehen konnte, verendete in der Gosse. Man macht es sich zu leicht, wenn darin allein ein religiöser Konflikt gesehen wird, denn dergleichen wiederholte sich in geringerem Ausmaße noch öfters. Auch in Ostrom waren latent fremdenfeindliche Bestrebungen am Wirken. Einen ähnlich drastischen Fall erlitt später der halbgotische Alane Aspar. Auf lange Sicht gesehen gelang es Konstantinopel sogar die Bedeutung der "Barbaren" im Militär zu brechen. Foederierte mit Autonomie und nennenswerten Volksmassen gab es bald nicht mehr. Man spielte verschiedene Ethnien gegeneinander aus und fand schließlich ebenfalls den Weg zum mittelalterlichen Feudalismus, wo nicht mehr Ethnien die Träger militärischer Stärke waren.
Es fragt sich alleine warum die „Barbaren“ im Osten so erfolglos waren? Eine weitere Antwort ist die stark politisierte, engagierte und große Bevölkerung der Hauptstadt, die auf entsprechende Versuche hitzig und gewaltsam reagierte. Wie sehr der Reichsgedanke auch im Osten dagegen nicht mehr reichte um zu bestehen, zeigt der Gegensatz zwischen Orthodoxie und syrisch-ägyptischen Auslegungen des Christentums. Der Slawensturm selbst brachte weit mehr Veränderungen mit sich als die Hauptwoge der Völkerwanderung. Der Balkan wurde weit stärker „entstädtert“, als das Westreich. Schließlich war es die byzantinische militärische Kampfkraft, gepaart mit der christlichen Integrationskraft welches diese neue Herausforderung abschmettern konnte.
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07.05.2008, 19:12
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Plebejer
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Registriert seit: 05.11.2007
Beiträge: 15
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Zitat von tejason
...Es fragt sich alleine warum die „Barbaren“ im Osten so erfolglos waren? Eine weitere Antwort ist die stark politisierte, engagierte und große Bevölkerung der Hauptstadt, die auf entsprechende Versuche hitzig und gewaltsam reagierte. ...
Du hast selbst geschrieben, dass römische Bürger beim Sturz Stilichos gewaltsam reagierten. Wo ist also der Unterschied?
Engagieren taten sich die Bürger beider Hauptstädte, allerdings überwiegend in politisch angehauchten Glaubensfragen – da war man bereit, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. (Ein tolles Vorbild für die Barbaren – oder Asterix: „die spinnen, die Römer!) Die Byzantiner hatten dabei den Vorteil, dass der Kaiser an Ort und Stelle war, da lohnte es eher, die politische Meinung kundzutun, während Rom als kaiserliche Residenz aufgegeben worden war.
@Selbstverständnis > Überheblichkeit
Das gesunde politische Selbstverständnis funktionierte nur, so lange Rom eine gewisse Vorbildfunktion erfüllen und Erstrebenswertes bieten konnte. Und zwar zunächst immer der Oberschicht der unterworfenen Völker. Diese wiederum beeinflusste dann den Stamm/das Volk. Also vereinfacht: bei Anpassung war alles „im grünen Bereich“.
Aus dem Selbstverständnis wurde aber im Laufe der Zeit Überheblichkeit. Und in dem Moment tolerierte man anderes Kulturverständnis wie bei den Germanen nur noch unter einem löchrigen Deckmantel. Weil man sie brauchte, z. B. als militärische Gastarbeiter.
So manchem wird bewusst geworden sein, dass man sich in eine Abhängigkeit begeben hatte. Das „ewige Rom“ war militärisch u. a. abhängig von Föderierten, die es wagten, ihr eigenes Selbstverständnis an den Tag zu legen! Wer sich einer Abhängigkeit ausgeliefert sieht, reagiert extrem.
Als Beispiele der Überheblichkeit mögen ein Ereignis und ein Zitat dienen.
Römische Statthalter erpressten von den vor den Hunnen geflüchteten und um Land bittenden Goten das Äußerste, ihre eigenen Kinder, gegen Lebensmittel. Fritigern, ihr Anführer, sollte beim Gastmahl einem Mord zum Opfer fallen. Die Goten wehrten sich: „Jener Tag nahm den Goten den Hunger und den Römern die Sicherheit“ (Jordanes, Gotengeschichte XXVI).
Überheblichkeit legte auch Bischof Synesios von Kyrene (370 – 415 n. Chr.) an den Tag:
„Die Barbaren bilden einen Fremdkörper. Man muss sie von den Ländereien, auf denen man sie unvorsichtigerweise angesiedelt hat, muss sie aus dem Gemeinwesen, aus den Häusern der Reichen, aus der Armee, aus dem Senat vertreiben. Denn sobald sie aus dem Amt herausgehen, ziehen sie wieder ihre Pelze an und verspotten die Toga“.
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07.05.2008, 20:07
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Tribun
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Registriert seit: 17.10.2007
Beiträge: 76
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Eine gute Antwort Ranilda! Genau wegen solcher Fragen habe ich meinen langen Text ja überhaupt verfasst. Die Römer handelten gegen Ende ihres Reiches zunehmend weniger nach ihren eigenen Maximen.
Gerade der Punkt, den du mit Überheblichkeit in Verbindung bringst ist genau das, was in Diskussionen über die "WARUM GING DAS RÖMISCHE REICH UNTER" immer wieder, auch in diesem Forum gefordert wird um den Untergang abzuwenden!!
Stellt sich nicht eher die Frage warum die Integration von durchaus willigen Völkern misslang und Rom unterging weil ihm dies misslang?!
Weiter:
Zitat von Ranilda
Du hast selbst geschrieben, dass römische Bürger beim Sturz Stilichos gewaltsam reagierten. Wo ist also der Unterschied?
Im Detail: Gainas und seine Soldaten saßen politisch und militärisch aus ihrer Sicht fest im Sattel. Sie waren willig und fähig sich zu verteidigen. Sie unterschätzten die Macht des Mobs in der Hauptstadt, der die sich verteidigenden Soldaten in blutigen Straßenkämpfen aus der Stadt trieb.
Stilicho dagegen vertraute seinem Kaiser und gab sich in dessen Gewalt. Seine Soldaten standen nicht bereit sich zu wehren, der Mob ergötzte sich daran Frauen und Kinder abzuschlachten und es geschah nicht in der Metropole des Reiches, sondern in diversen Städten auf die Nachricht vom Fall des Großen hin.
@Selbstverständnis > Überheblichkeit
Das gesunde politische Selbstverständnis funktionierte nur, so lange Rom eine gewisse Vorbildfunktion erfüllen und Erstrebenswertes bieten konnte. Und zwar zunächst immer der Oberschicht der unterworfenen Völker. Diese wiederum beeinflusste dann den Stamm/das Volk. Also vereinfacht: bei Anpassung war alles „im grünen Bereich“.
Exakt so funktionierte die Romanisierung in den meisten Fällen! Wurde nicht auch die neue barbarische Oberschicht romanisiert?
Deine sonstigen Punkte will ich heute nicht kommentieren. Vielleicht mag jemand Anderes?
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07.05.2008, 21:05
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Hoplit
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Registriert seit: 29.10.2007
Ort: Durmersheim bei Karlsruhe
Beiträge: 511
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Die Änderung der Menthalität des späten Reiches hängt auch von der Verarmung des Volkes ab. Eine galoppierende Inflation legte die Wirtschaft immer mehr lahm. Die Armut und der Druck durch die fremden Völker sowie die Suche nach etwas neuem prägten das Ende des römischen Reiches. Nicht mehr das Rationale Denken war der Mittelpunkt, sondern das Vertrauen in eine allmächtige Gottheit.
Was -glaube ich- auch eine Rolle spielte war die demographische Entwicklung.
irgendwie kommen mir diese Symptome alle bekannt vor...
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 Wir lassen euch leben im Dienste dieses Schiffes - also rudert gut. Und lebt!
Quintus Arius aus "Ben Hur"
Geändert von Jason (07.05.2008 um 21:10 Uhr).
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08.05.2008, 19:15
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Plebejer
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Registriert seit: 05.11.2007
Beiträge: 15
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Zitat von tejason
...
Im Detail: Gainas und seine Soldaten saßen politisch und militärisch aus ihrer Sicht fest im Sattel. Sie waren willig und fähig sich zu verteidigen. Sie unterschätzten die Macht des Mobs in der Hauptstadt, der die sich verteidigenden Soldaten in blutigen Straßenkämpfen aus der Stadt trieb.
Stilicho dagegen vertraute seinem Kaiser und gab sich in dessen Gewalt. Seine Soldaten standen nicht bereit sich zu wehren, der Mob ergötzte sich daran Frauen und Kinder abzuschlachten und es geschah nicht in der Metropole des Reiches, sondern in diversen Städten auf die Nachricht vom Fall des Großen hin.
...
Ist mir klar, dass die vorhergehenden Ereignisse sich unterschieden. Mir ging es einfach nur darum festzustellen, dass in beiden Fällen der Plebs reagierte (egal, ob in der Hauptstadt oder in einer anderen größeren Stadt).
Zu Gainas darfst Du aber die Vorgeschichte nicht vergessen. Ohne diese wären vielleicht die Byzantiner nicht so „mutig“ gewesen. 386 n. Chr. hatten Goten nach einem Hungerwinter um friedliche Einwanderung gebeten. Der Magister Militum lehnte offiziell ab, durch eine List aber hieß man sie, in Einbäumen die Donau zu überqueren --- um sie am anderen Ufer abzuschlachten. Die gotischen Frauen führte man im Triumphzug durch Byzanz. Die Goten waren also besiegbar (auf welche Weise auch immer) --- auch nach Adrianopel! Da wagte man es eben, die restlichen (!) Truppen des Gainas anzugreifen. Wie schwer es zu sein scheint, als bewaffnete Truppe einen Straßenkampf in der oströmischen Hauptstadt zu gewinnen, musste mehr als 100 Jahre später Belisar beim Nika-Aufstand erfahren.
Einen Aspekt hast Du nicht erwähnt (oder habe ich ihn bei dem langen Text überlesen?): zwischen Föderaten und Römern herrschte Heiratsverbot. Also wollte man keine Integration?!
Galt so ein Verbot auch, als Gallien romanisiert wurde? Mir ist das nicht bekannt.
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08.05.2008, 19:24
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Plebejer
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Registriert seit: 05.11.2007
Beiträge: 15
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Zitat von Jason
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irgendwie kommen mir diese Symptome alle bekannt vor...
Puccini - "Tosca": Wie sich die Bilder gleichen...
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11.05.2008, 23:34
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Tribun
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Zitat von Ranilda
...Einen Aspekt hast Du nicht erwähnt (oder habe ich ihn bei dem langen Text überlesen?): zwischen Föderaten und Römern herrschte Heiratsverbot. Also wollte man keine Integration?!
Galt so ein Verbot auch, als Gallien romanisiert wurde? Mir ist das nicht bekannt.
Nein, hatte ich nicht erwähnt. Der Grund zu ersterem ist wohl nicht zuletzt ein Verwaltungstechnischer gewesen. Die Foederaten waren Reichsbürger mit Sonderrechten. Wenn man "Mischehen" zuließ, zu welchem "Stand" gehörten denn dann deren Nachkommen? Zum Foederatenvolk (das wollte man sicher nicht auf Kosten der normalen Reichsbevölkerung wachsen lassen) oder zu den übrigen, steuerpflichtigen Einwohnern des Reiches?
Bei der starken bürokratischen Reglementierung der Spätantike wundert mich dieser Punkt gewiss nicht.
@Gallien: Eigentliche Heiratsverbote.... hmm, wieder so eine Frage!
Also die Soldaten hatten eigentlich so etwas wie ein Heiratsverbot während ihrer Dienstzeit, es gesellten sich ihnen aber durchaus Frauen zu - meist Einheimische. Sie lebten in den Vici bei den Garnisonen, waren aber rechtlich normal nicht anerkannt. ...ließ sich auf Dauer freilich schwer durchsetzen..
Hilfstruppen erhielten bei ihrer Entlassung gewöhnlich das Bürgerrecht und ihre Kinder wurden über die entsprechende Rechtsstellung zu echten Römern im rechtlichen Sinne, ihre Mütter üblicherweise nicht.
Wie es bei den Legionen aussah, weis ich gerade nicht...
Generell verlief die Romanisierung Galliens über die Oberschicht und über die Männer und nicht über die Frauen. Nur Männer kamen mit Rom und seiner neuen Kultur unmittelbar und direkt in Kontakt, während Frauen weder über Militär noch über Gastmähler gewöhnlich in direkten KOntakt mit den Siegern traten und wenn dann als staatlich nicht legitimierte "Beischläferin" (wie bei den Auxiliar-Gefährtinnen).
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12.05.2008, 08:44
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The Censor
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Registriert seit: 29.01.2005
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Zitat von tejason
@Gallien: Eigentliche Heiratsverbote.... hmm, wieder so eine Frage!
Also die Soldaten hatten eigentlich so etwas wie ein Heiratsverbot während ihrer Dienstzeit, es gesellten sich ihnen aber durchaus Frauen zu - meist Einheimische. Sie lebten in den Vici bei den Garnisonen, waren aber rechtlich normal nicht anerkannt. ...ließ sich auf Dauer freilich schwer durchsetzen..
Ich müsste das jetzt nachlesen aber wurde dieses Verbot nicht unter den Severern aufgehoben?
Zitat von tejason
Hilfstruppen erhielten bei ihrer Entlassung gewöhnlich das Bürgerrecht und ihre Kinder wurden über die entsprechende Rechtsstellung zu echten Römern im rechtlichen Sinne, ihre Mütter üblicherweise nicht.
Wie es bei den Legionen aussah, weis ich gerade nicht...
Wie soll das bei Legionen ausgesehen haben? In den Legionen dienten doch im Idealfall nur Bürger.
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Wenn es morgens um sechs Uhr an meiner Tür läutet und ich sicher sein kann, daß es der Milchmann ist, dann weiß ich, daß ich in einer Demokratie lebe.
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12.05.2008, 09:27
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Tribun
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Registriert seit: 17.10.2007
Beiträge: 76
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1.) Ja, die Heiratsverbote der Soldaten ließen sich auf Dauer nicht halten. Zur Zeit der Eroberung Galliens bestand es aber noch (zumindest theoretisch). Im Kontext der romanisierung Galliens war das Heiratsverbot also noch wirksam und spielte eine Rolle.
2,) Die Männer waren römische Bürger, ja. Doch im Unterschied zu heute mussten nach ursprünglichem, römischem Recht beide Ehepartner römische Bürger sein, damit deren Kinder ebenfalls als römische Vollbürger zu gelten hatten. Bei "Mischehen" konnte es durchaus passieren, das die Kinder eben nicht das Bürgerrecht nachträglich verliehen bekamen. Das kam zwar vor aber war eben nicht die Regel. Ohne nachlesen zu wollen gehe ich davon aus, das die privilegierten Soldaten bei ihrer Entlassung auch bei den Legionen ähnliche Nachfolgeregelungen bekamen wie die Hilfstruppen.
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12.05.2008, 09:32
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The Censor
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Registriert seit: 29.01.2005
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Zitat von tejason
2,) Die Männer waren römische Bürger, ja. Doch im Unterschied zu heute mussten nach ursprünglichem, römischem Recht beide Ehepartner römische Bürger sein, damit deren Kinder ebenfalls als römische Vollbürger zu gelten hatten. Bei "Mischehen" konnte es durchaus passieren, das die Kinder eben nicht das Bürgerrecht nachträglich verliehen bekamen. Das kam zwar vor aber war eben nicht die Regel. Ohne nachlesen zu wollen gehe ich davon aus, das die privilegierten Soldaten bei ihrer Entlassung auch bei den Legionen ähnliche Nachfolgeregelungen bekamen wie die Hilfstruppen.
Es dürfte auch simple Logik des Staates gewesen sein. Laut Le Bohec entstanden im Principat richtige Soldatenfamilien, hätte das Bürgerrecht nicht übertragen werden dürfen, hätte man sich unnötigerweise Rekrutierungsquellen beraubt. Und das obwohl die Rekrutierung schon unter Augustus ein leidiges Thema gewesen sein dürfte und sich eigentlich nicht besserte.
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