22.11.2008 - 13:03
Historik Forum
Die Weltkriege Der Bereich für die Zeit der Weltkriege und die Zeit dazwischen.
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  #1  
Alt 22.08.2008, 13:14
Benutzerbild von EL_Mercenario
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Das Deutsche Reich, von Anfang an dem Untergang geweiht?

Der Grundgedanke ist altbekannt und wird in vielen Geschichtsbüchern zu Thema erwähnt, meist in der Einleitung oder als Fazit: Das Deutsche Reich, zu klein, um die Hegemonie über Europa zu errichten, aber zu groß um sich in das Europäische Gleichgewicht einfügen zu können, musste ob seiner bedrohlichen Größe seine Gegner zu Zusammenschluß und Kampf gegen die deutsche Bedrohung nötigen. So war der Untergang des Reichs im Grunde schon bei seiner Gründung unvermeidlich und nur eine Frage der Zeit. Haffner bringt den gleichen Grundgedanken in "Von Bismarck zu Hitler":
Das wirklich Außerordentliche ist nun aber, daß es auch Bismarck selbst, bei bestem Willen und größter politischer Kunstfertigkeit, nicht gelungen ist, sein Deutsches Reich aus gefährlichen Verstrickungen herauszuhalten. Insofern legt gerade die Geschichte der Bismarckzeit den Gedanken nahe, daß sein Reich von Hause aus eine unglückliche, möglicherweise nicht zu rettende Gründung war [...] besser als Bismarck nach 1871 konnte man es eigentlich kaum anstellen, wenn man das Deutsche Reich erhalten, konsolidieren und seinen Nachbarn als festen Bestandteil des europäischen Staatensystems annehmbar, ja möglicherweise unentbehrlich machen wollte. Wenn es auch ihm schließlich mißlungen ist - vielleicht lag der Fehler in der Sache selbst?
Ich halte an dieser Konzeption drei Aspekte für falsch. Erstens, dass die Nachbarstaaten Deutschlands aus Angst zum Zusammenschluß gegen das Reich getrieben wurden. Zweitens, dass man es "besser als Bismarck" kaum hätte machen können. Und Drittens, dass die Zerstörung des Reiches durch eine militärische Niederlage gegen die anderen Großmächte unvermeidlich kommen mußte.

1.) Dass die Nachbarstaaten Deutschlands sich aus Angst vor dem Reich zur Entente zusammenschlossen stimmt für Frankreich und England teilweise, für Russland überhaupt nicht. Übrigens auch nicht für Österreich-Ungarn, dass ja als schwächste Großmacht am meisten Angst vor dem deutschen Koloss hätte haben müssen. In Wirklichkeit bildete die Entente sich nicht aus Angst, sondern weil Deutschland den imperialen Ambitionen seiner Nachbarn in den Weg trat. An den Deutsch-Russischen Beziehungen lässt sich das am besten zeigen, was merkwürdiger Weise auch Haffner macht und damit sein eigenes Zitat widerlegt.

Russlands imperiale Ambitionen galten dem Balkan und Konstantinopel. Im Krimkrieg 1853-56, dem neunten russisch-türkischer Krieg wurden die Russen allerdings geschlagen und mussten ihre Ambitionen vorerst begraben. Neuen Auftrieb gaben die Siege Preußens 1866 und 1871 in denen Frankreich und Österreich zeitweilig als Militärmacht ausgeschaltet wurden. Russland hat deshalb die Kriege Preußens und die Reichsgründung wohlwollend unterstützt. Ein von England angestrebter internationaler Kongress wurde von Russland blockiert, so daß Bismarck seine Erfolge sichern konnte.
seit den antinapoleonischen Befreiungskriegen hatte Preußen ein ähnliches Verhältnis zu Russland gehabt wie heute die DDR zur Sowjetunion.
schreibt Haffner. Das scheint mir zwar leicht übertrieben, aber Russland hat den Machtzuwachse seines Juniorpartners Preußen durchaus mit Wohlwollen gesehen. Es hat auch nicht lange gezögert, die Chance zu nutzen, 1877 gings zum erneuten Angriff auf die Osmanen, die Briten stellten sich abermals quer, drohten mit Krieg und Bismarck lud zum Berliner Kongreß, auf dem Russlands militärische Gewinne zusammengestrichen wurden. Die Russen waren "stinksauer" wandten sich von Deutschland ab und näherten sich an Deutschlands Erzfeind Frankreich an. Es war gerade nicht Angst vor Deutschland Machtzuwachs oder Aufrüstung welche die russische Feindschaft verusachte, sondern dass Deutschland sich Russlands Vormarsch auf dem Balkan in den Weg stellte. Und dieses Schema setzte sich fort bis 1914, das Deutsche Reich entsandte Militärberater in die Türkei und stärkte Österreich den Rücken.
Deutschland hatte keine Ambitionen zu einem Angriff auf Russland und das wurde von den Russen auch nicht befürchtet. Vielmehr war Russlands Problem, dass an Konstantinopel nicht heranzukommen war, solange die Deutschen dagegenhielten. Also versuchte man, das Reich durch ein Bündnis mit Frankreich zu neutralisieren.

Bei Frankreich und England lagen die Dinge ähnlich. Frankreichs imperiale Ambitionen galten der Ausbreitung nach Osten (Rheingrenze) und der Kolonisierung Nordafrikas. Beiden stand das Reich im Weg (Marokkokrisen). Englands Ambitionen galten der Ausweitung und Konsolidierung seiner Kolonien, hier störten die Deutschen durch ihre eigenen Kolonisierungen, hauptsächlich aber durch ihren Flottenbau. Die deutsche Flotte war zwar zu schwach um England direkt zu bedrohen, zwang aber die Engländer eine entsprechende Anzahl Schlachschiffe ständig in GB stationiert zu halten, welche dann entsprechend zum Schutz der Kolonien fehlten.

Zusammenfassend war es nicht Angst vor Deutschland sondern imperiales Interesse, was zur Bildung Entente geführt hat. Anders als seine Größe, die es ja nicht ändern konnte, war das Reich aber nicht gezwungen, den Interessen seiner Nachbarn entgegenzutreten. Die Niederlage im 1. WK beruhte also auf verfehlter Außenpolitik und nicht auf schicksalhafter Größe des Deutschen Reiches.

2.) Man hätte es durchaus "besser als Bismarck" machen können - natürlich auch schlechter. Bismarck hat drei Fehler gemacht, die die anderen Großmächte gegen Deutschland aufgebracht haben. Die Annexion Elsaß-Lothringens, der Kolonie-Erwerb in Afrika und der Berliner Kongreß plus anschließendem Bündnis mit Österreich. Keiner der drei war zwingend notwendig.
Bismarcks Nachfolger haben dann in derselben Manier immer weiter draufgesattelt - Marokkokrisen, Flottenbau, Bosnienkrise plus Blankoscheck, bis es irgendwann "gekracht" hat.

3.) Die Zerstörung des Deutschen Reiches wurde nicht durch die militärischen Niederlagen verursacht. Das Reich wurde nach dem 1. WK eben gerade nicht zerstört, sondern blieb im Kern erhalten und das trotz der Tatsache, dass Deutschland bis zur Kapitulation fanatisch und rücksichtslos gekämpft hat; in Belgien, Nordfrankreich, auf den Weltmeeren und dem diplomatischen Parkett wie die Wildsau gehaust hat. Im Gegenteil, 20 Jahre nach der Niederlage waren alle Verluste wieder mehr als wett gemacht. Eine verheerende Niederlage musste auch Frankreich in den Napoleonischen Kriegen einstecken, dass hat ihm aber nicht sonderlich geschadet. Ebensowenig wäre das Deutsche Reich an ein oder zwei militärischen Niederlagen zugrunde gegangen.

Was das Reich letztlich zerstört hat, war die fanatische Politik Ludendorffs und die wahnwitzige Politik Hitlers, nicht seine "verhängnisvolle Größe".
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Geändert von EL_Mercenario (22.08.2008 um 13:28 Uhr)
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  #2  
Alt 22.08.2008, 13:28
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Also, ich denke, dass es nicht unbedingt ein fehler Bismarcks war, ein Bündnis mit Österreich einzugehen. Die Lage in Europa war zu dieser zeit sehr angespannt, da hat sich glaube ich jeder Verbündete gesucht.

Ich denke, zur "Zerstörung" des deutschen Reichs, zumindest auf militärischer Ebene, hat passiv auch dessen Lage beigetragen. Deutschland liegt mitten in Europa und kann von allen Seiten aus angegriffen werden, was im ersten und zweiten Weltkrieg ja auch gemacht wurde und die militärische Lage sehr schwierig macht.
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  #3  
Alt 22.08.2008, 13:40
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Interessante Ausführungen, El Mercenario, denen ich über weite Strecken folge. Nur eine Randbemerkung von mir: Kein "Reich" ist für die Ewigkeit - sonst hätten wir noch das Römische Imperium (und auch das "amerikanische Imperium" wird irgendwann überholt sein). Was den Niedergang bringt, dafür gibt es in jedem Fall komplexe und zugleich spezifische Gründe. Im Fall Deutschland war sicherlich die "wahnwitzige Politik Hitlers" ein wichtiger Faktor.
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  #4  
Alt 23.08.2008, 12:01
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Dazu wäre zu sagen, dass das "Deutsche Reich" in Haffners Fall nicht speziell das Kaiserreich meint, sondern den Deutschen Nationalstaat per se. Das Buch von Haffner ist vor der 1987 Wiedervereinigung geschrieben.

@Weasel
Deutschland hat durch das Bündnis mit Österreich gegen Russland Partei genommen. Das war zwar zu dem Zeitpunkt noch nicht unumkehrbar, hat aber letztlich zum 1.WK geführt. Bündnisse gab es zu dem Zeitpunkt auf europäischer Ebene glaube ich noch keine, Bismarck hat da gewissermaßen das Startsignal gegeben.
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  #5  
Alt 23.08.2008, 12:40
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Zitat von EL_Mercenario Beitrag anzeigen
Ein von England angestrebter internationaler Kongress wurde von Russland blockiert, so daß Bismarck seine Erfolge sichern konnte. schreibt Haffner. Das scheint mir zwar leicht übertrieben, aber Russland hat den Machtzuwachse seines Juniorpartners Preußen durchaus mit Wohlwollen gesehen. Es hat auch nicht lange gezögert, die Chance zu nutzen, 1877 gings zum erneuten Angriff auf die Osmanen, die Briten stellten sich abermals quer, drohten mit Krieg und Bismarck lud zum Berliner Kongreß, auf dem Russlands militärische Gewinne zusammengestrichen wurden. Die Russen waren "stinksauer" wandten sich von Deutschland ab und näherten sich an Deutschlands Erzfeind Frankreich an. Es war gerade nicht Angst vor Deutschland Machtzuwachs oder Aufrüstung welche die russische Feindschaft verusachte, sondern dass Deutschland sich Russlands Vormarsch auf dem Balkan in den Weg stellte. .
Rußlands Mißerfolg auf dem Berliner Kongress hatte zur Folge das verantwortliche russische Politiker nur zu gerne die Schuld auf Bismark als Markler abwälzten.
Ein direkter Bruch war das noch nicht, aber Futter für russische öffentliche Meinung gepaart mit dem dort vorherrschenden Panslawismus.
Ich sehe eher das Bismark hier eine Politik der "freien Hand" versucht, sich als Macht profiliert die aussenpolitisch zunehmend unabhängiger wird.
Die öffentliche Meinungsmache in beiden Ländern veranlasste Bismark dann zu harten Maßnahmen in der Finanzpolitk gegen Rußland.
Also als markanten Wendepunkt kann man den kongress schon sehen.
Englands Ambitionen galten der Ausweitung und Konsolidierung seiner Kolonien, hier störten die Deutschen durch ihre eigenen Kolonisierungen, hauptsächlich aber durch ihren Flottenbau. Die deutsche Flotte war zwar zu schwach um England direkt zu bedrohen, zwang aber die Engländer eine entsprechende Anzahl Schlachschiffe ständig in GB stationiert zu halten, welche dann entsprechend zum Schutz der Kolonien fehlten.
Die Kolonien kann man denke ich aussen vor lassen, im Gegenteil könnte man die Tatsache das beide Kolonien hatten ja als gemeinsamkeit darstellen bei der man produktiv zusammenarbeiten konnte.
Hätten die deutschen Kolonien auch nur ansatzweise die grösse Englands gehabt dann vieleicht, aber das Empire war niemals bedroht.
Die Flotte sehe ich als problem der in dieser Sache sensiblen englischen Öffentlichkeit. Ausser der Freihaltung der Ostsee im Kriegsfalle hatte und wollte Deutschland auf dem maritimen Sektor in Bezug auf England nicht mehr erreichen.
Das Problem war vielmehr dieser englische Empire Status, das gefühl der Engländer die Herren der Welt zu sein, von gott gegeben. Und da steigt dann ein schlafender Wirtschaftsriese direkt vor ihrer Haustür empor und erlangt Wohlstand in der Breite ohne gleichzeitig die halbe Welt auszubeuten. Diese Faktoren haben die Öffentlichkeit und weite Wirtschaftskreise weitgehend inkompatibel mit Deutschland gemacht.
Ob man das überwinden hätte können ist schwer zu sagen.
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  #6  
Alt 24.08.2008, 13:26
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Zitat von Didt Beitrag anzeigen
Rußlands Mißerfolg auf dem Berliner Kongress hatte zur Folge das verantwortliche russische Politiker nur zu gerne die Schuld auf Bismark als Markler abwälzten.
Der Punkt ist, dass Deutschland in dem Konflikt zwischen Österreich und Russland um die Beherrschung des Balkan im Prinzip drei Möglichkeiten hatte. Neutralität, oder sich auf eine Seite schlagen. Mit dem Berliner Kongress hat Bismarck sich auf die Seite Österreichs geschlagen, dass Bosnien annektieren durfte, ohne einen Finger dafür zu rühren, wogegen Russlands Gewinnen zusammengestrichen wurden.

Zitat von Didt Beitrag anzeigen
Die Kolonien kann man denke ich aussen vor lassen, im Gegenteil könnte man die Tatsache das beide Kolonien hatten ja als gemeinsamkeit darstellen bei der man produktiv zusammenarbeiten konnte.
Hätten die deutschen Kolonien auch nur ansatzweise die grösse Englands gehabt dann vieleicht, aber das Empire war niemals bedroht.
Das nicht, aber es gab immer wieder Reibereien mit GB wegen der Kolonien. Die Krügerdepesche, oder als GB einen Teil des Kongo erwerben wollte, für eine Nord-Süd-Eisenbahnverbindung von Ägypten nach Südafrika.

Zitat von Didt Beitrag anzeigen
Die Flotte sehe ich als problem der in dieser Sache sensiblen englischen Öffentlichkeit. Ausser der Freihaltung der Ostsee im Kriegsfalle hatte und wollte Deutschland auf dem maritimen Sektor in Bezug auf England nicht mehr erreichen.
Dazu Tirpitz: "Unsere Flotte muß ... so eingerichtet werden, daß sie ihre höchste Kriegsleistung zwischen Helgoland und der Themse entfalten kann ... Die militärische Situation gegen England erfordert Linienschiffe in so hoher Zahl wie möglich."
Die Bedrohung für England sollte sogar so groß sein, daß die britische Regierung, um ihrer Herr zu werden, die im Mittelmeer und im Fernen Osten stationierten Flottenverbände würde zurückrufen müssen, selbst um den Preis, ihre Besitzungen in jenen Gegenden schutzlos den Angriffen anderer Mächte auszusetzen. Je stärker die deutsche Flotte anwuchs, desto klarer würden die Engländer dies erkennen und daraus die Konsequenz ziehen, daß sie gut daran täten, Konflikte mit Deutschland zu vermeiden, oder unter Bedingungen, welche die deutsche Position in Europa stärken und ihm weitere Vorteile bringen würden, zu einer Verständigung mit Berlin zu kommen.(Aus Gordon A Craig, Deutsche Geschichte 1966-1945)

Zusammengefasst, die Flotte sollte militärisch und politisch Druck auf England ausüben.
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  #7  
Alt 26.08.2008, 14:19
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Zitat von EL_Mercenario Beitrag anzeigen
Der Punkt ist, dass Deutschland in dem Konflikt zwischen Österreich und Russland um die Beherrschung des Balkan im Prinzip drei Möglichkeiten hatte. Neutralität, oder sich auf eine Seite schlagen. Mit dem Berliner Kongress hat Bismarck sich auf die Seite Österreichs geschlagen, dass Bosnien annektieren durfte, ohne einen Finger dafür zu rühren, wogegen Russlands Gewinnen zusammengestrichen wurden.
Nicht nur auf die Seite Österreichs, auch auf die Seite Englands die die eigentlichen Gewinner auf diesem Kongress waren. Sicherlich hätte sich Bismarck hier komplett raushalten sollen, man konnte eigentlich nur verlieren.
Das nicht, aber es gab immer wieder Reibereien mit GB wegen der Kolonien. Die Krügerdepesche, oder als GB einen Teil des Kongo erwerben wollte, für eine Nord-Süd-Eisenbahnverbindung von Ägypten nach Südafrika.
Der Kongo war eigentlich mehr Reiberei zwischen Frankreich und England. Die Entente ist gerade dadurch entstanden da ein Konflikt beseitigt wurde der sich in der kolonialen Interessensphäre befand. Das bedeutet das der Besitz an Kolonien nicht zwangsläufig in einem aggressivem Dualismus enden musste.
Die Krügerdepesche, zweifelsfrei ein wichtiger punkt in den Deutsch Englischen Beziehungen, ist ja nicht entstanden aufgrund der tatsache das Deutschland Kolonien hatte, sondern der behandlung Englands mit seinigen, bei der der kaiser kein Blatt vor den Mund nahm.
Dazu Tirpitz: "Unsere Flotte muß ... so eingerichtet werden, daß sie ihre höchste Kriegsleistung zwischen Helgoland und der Themse entfalten kann ... Die militärische Situation gegen England erfordert Linienschiffe in so hoher Zahl wie möglich."
Die Bedrohung für England sollte sogar so groß sein, daß die britische Regierung, um ihrer Herr zu werden, die im Mittelmeer und im Fernen Osten stationierten Flottenverbände würde zurückrufen müssen, selbst um den Preis, ihre Besitzungen in jenen Gegenden schutzlos den Angriffen anderer Mächte auszusetzen. Je stärker die deutsche Flotte anwuchs, desto klarer würden die Engländer dies erkennen und daraus die Konsequenz ziehen, daß sie gut daran täten, Konflikte mit Deutschland zu vermeiden, oder unter Bedingungen, welche die deutsche Position in Europa stärken und ihm weitere Vorteile bringen würden, zu einer Verständigung mit Berlin zu kommen.(Aus Gordon A Craig, Deutsche Geschichte 1966-1945)
Na als Offensivmassnahme sehe ich das noch nicht. Ich gebe zu das Vorstösse in richtung Englands Nordseeküst durchaus drinn sein sollten, vornehmlich ging es aber darum die für Deutschland lebenswichtige Ostsee freizuhalten und eine Zone des Küstenverkehrs in der Nordsee zu kontrollieren. Den Punkt Konfliktvermeidung sehe auch so, es sollte für England teuer werden im falle eines Konfliktes sich gegen Deutschland zu wenden, das ist aber defensiver Natur, woraus die englische Presse schnell einen aggressiven Akt umdeutete.
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  #8  
Alt 26.08.2008, 23:15
Benutzerbild von EL_Mercenario
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Zitat von Didt Beitrag anzeigen
Na als Offensivmassnahme sehe ich das noch nicht. Ich gebe zu das Vorstösse in richtung Englands Nordseeküst durchaus drinn sein sollten, vornehmlich ging es aber darum die für Deutschland lebenswichtige Ostsee freizuhalten und eine Zone des Küstenverkehrs in der Nordsee zu kontrollieren. Den Punkt Konfliktvermeidung sehe auch so, es sollte für England teuer werden im falle eines Konfliktes sich gegen Deutschland zu wenden, das ist aber defensiver Natur, woraus die englische Presse schnell einen aggressiven Akt umdeutete.
Aus den Äußerungen Tirpitz geht das aber nicht hervor, dass die Flotte zur Sicherung der Ostsee gedacht war. Ich seh es eher so, dass die Flotte einen "Platz an der Sonne" erkämpfen sollte, indem man England erpresst.
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  #9  
Alt 27.08.2008, 10:26
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Gehen wir doch mal ganz pragmatisch an die Sache ran. Die Flottenfrage war kein Fehler, weil man Großbritannien herausforderte, sondern weil man Großbritannien auf einem Gebiet herausforderte auf dem es unschlagbar war.
Flotten brauchten damals enorme Mengen Kohle und das Deutsche Reich verfügte einfach nicht über die internationalen Stützpunkte um seine Flotte im Krieg gegen Großbritannien einzusetzen. Das hat sich dann 1914 auch sehr schnell gezeigt.
Im Fazit forderte man also ein anderes europäisches Land heraus und verschwendete massiv Ressourcen ohne, dass es im Kriegsfall einen Sinn ergeben würde.
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  #10  
Alt 27.08.2008, 13:02
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Wulfnoth hat das sehr gut erklärt, die Reichweite speziell der Deutschen Kampfschiffe war grösstenteil auf einige tsd Kilometer begrenzt, danach musste man Kohlen nehmen.
Der Besitzende war GB (Empire und Flottenbasen), fast schon paranoid wie sie ihre Besitzstandwahrung, glaubend von Neidern umgeben, beschützen wollten. Sicher hat das Flottenprogramm diese Sichtweise unterstützt, real war die Position Englands aber nicht Angegriffen.
Das Empire wurde ja von Deutschland auch anerkannt und nie in Frage gestellt, selbst unter Hitler nicht.
Was aber Realstrategisch dieser Flottenbau für England bedeutete ist die Einengung ihrer Offensivfähigkeiten gegenüber Kontinentaleuropa.
Seit ca. 200 Jahren konnte GB sich gemütlich nach hinten lehnen und je nach interesse der Balance of power ihre mächtige Flotte gegen den jeweiligen Kontinentalhegemon einsetzen, sämtliche Häfen und Flussmündungen blockieren, die Schiffahrt kontinentaleuropas gänzlich zum erliegen bringen, auch in der Ostsee.
Dieses Ass im Ärmel ist mit dem deutschem Flottenbau nun abhanden gekommen, nurnoch eine Fernblockade machbar.
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  #11  
Alt 27.08.2008, 14:12
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Und nur weil man eine Blockade in eine ebenso wirksame Fernblockade umwandelt lohnt es sich das British Empire derart zu verprellen?
Dass das deutsche Flottenprogramm in London nicht gut ankommen würde, musste jedem vernünftigen Politiker in Berlin klar sein.
Wie gesagt, man schuf sich einen Gegner in einem Bereich in dem man ihn nicht besiegen konnte. Welchen Sinn macht es die britische Seeherrschaft (die ohne Zweifel bestand) anzufechten ohne das nenneswerte Erfolgsaussichten bestehen? Das hat nichts mit paranoiden Briten zu tun, sondern schlicht mit deutscher Dämlichkeit.

Ich denke man darf den Unsicherheitsfaktor Wilhelm II. nicht außer Acht lassen, dieser Mann liebte einfach "seine" Flotte und rational dachte der bestimmt nicht. Da kommen wir dann auch schon auf die Frage zurück ob das Reich von Anfang an dem Untergang geweiht war? Meine These dazu: Nicht von Anfang an, aber seit der Thronbesteigung Wilhelms II. sicherlich. Ein Mann mit derart großen Komplexen ist einfach ein Risikofaktor für jede Monarchie und wenn sich dass dann noch mit schwachen Regierungschefs paart kann es in einer Katastrophe enden.
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  #12  
Alt 27.08.2008, 14:29
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Eine freie Ostsee war lebenswichtig für das Deutsche Reich, ohne die Eisenerze aus Skandinavien wäre eine Kriegsführung nur in sehr begrenztem Masse durchführbar. Analog Weserübung im 2.Wk.
Abwägung pro kontra ist sehr schwierig, voraussetzung war ob das Verhältnis mit GB überhaupt noch zu retten war und da spielt die Entente Cordiale 1904 nicht unerheblich mit rein.
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  #13  
Alt 27.08.2008, 14:43
Benutzerbild von Wulfnoth
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Das deutsche Flottenprogramm begann bereits wesentlich früher. 1895 der Nordostseekanal, der wesentlich für Kriegschiffsverlegungen zwischen Nord- und Ostsee war. 1897 wurde Tirpitz als Vater der Flotte Staatssekretär im Marineamt. Die Briten müssen vom ersten Flottengesetz 1898 Kenntnis gehabt haben, das war Jahre vor der Gründung der Entente.
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  #14  
Alt 27.08.2008, 15:15
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Sicher, aber das war noch kein "Wettrüsten".
Zit Wiki"
Eine besondere Rolle spielte der britische 1. Seelord Sir John Fisher, der dieses Amt 1904 übernahm und 1905 die HMS Dreadnought sowie den ersten Schlachtkreuzer konzipierte. Gemäß dem Flottengesetz baute Deutschland pro Jahr 2 bis 4 große Kriegsschiffe, entweder als Ersatz für sehr alte Schiffe nach 25 Jahren oder zur Vermehrung auf die geplante Sollstärke. In Großbritannien jedoch beschränkte das Parlament in dieser Zeit die Mittel für die Marine derart, dass z. B. 1908 nur zwei große Schiffe begonnen werden konnten. Da dies den Marineplanern deutlich zu wenig war, wurde in der Öffentlichkeit eine Kampagne, die so genannte Flottenpanik (engl.: navy scare), gestartet, die auf das Rüstungsdefizit im Vergleich zu anderen Mächten, auch Deutschland verwies und pro Haushaltsjahr den Bau von 8 Schiffen forderte. Dieser Forderung wurde nachgegeben und die entsprechenden Mittel bewilligt."
Also 4 Jahre nach der Entente beschliesst England sich in einem Wettrüsten mit Deutschland zu befinden...
Die Flottenbauprogramme davor die mehrer umwandlungen durchliefen waren von ihrem Anspruch und Grösse kaum zu unterscheiden von Frankreich oder Russland
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  #15  
Alt 28.08.2008, 21:41
Benutzerbild von EL_Mercenario
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Zitat von Wulfnoth Beitrag anzeigen
Flotten brauchten damals enorme Mengen Kohle und das Deutsche Reich verfügte einfach nicht über die internationalen Stützpunkte um seine Flotte im Krieg gegen Großbritannien einzusetzen. Das hat sich dann 1914 auch sehr schnell gezeigt.
Das war aber nicht der Operationsplan. Die deutsche Flotte sollte Richtung London dampfen worauf die Homefleet gezwungen gewesen wäre sich zum Kampf zu stellen. Im Prinzip war das durchaus machbar, wie sich in der Schlacht am Skagerrak gezeigt hat, die Hochseeflotte war nur zu klein, sie ist nicht am Kohlemangel gescheitert.
Eine Kriegführung um die Kolonien zu bedrohen war natürlich hoffnungslos, aber um England anzugreifen reichte die Reichweite allemal.

Zitat von Didt Beitrag anzeigen
Eine freie Ostsee war lebenswichtig für das Deutsche Reich, ohne die Eisenerze aus Skandinavien wäre eine Kriegsführung nur in sehr begrenztem Masse durchführbar.
Da gibt es auch andere Aussagen zu, Eisenerz hatte das Reich auch selber in erheblichen Mengen. Jedenfalls war die Freihaltung der Ostsee nicht das Hauptziel des Flottenbaus, vermutlich schon deshalb nicht, weil die ungeheuren Summen bis zu 50% des gesamten Wehretats, dafür nicht zu bekommen gewesen wären.

Zitat von Didt Beitrag anzeigen
Die Flottenbauprogramme davor die mehrer umwandlungen durchliefen waren von ihrem Anspruch und Grösse kaum zu unterscheiden von Frankreich oder Russland
Allerdings hatte Tirpitz die Mittel für den Flottenbau mit lautem Tamtam und Riesenpropaganda zusammengebracht und somit war den Engländern leider sehr wohl klar, was da noch kommen sollte. Der Plan Tirpitz heimlich aufzurüsten war von vorneherein hoffnungslos.
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