14.10.2008 - 08:43
Historik Forum
Die Weltkriege Der Bereich für die Zeit der Weltkriege und die Zeit dazwischen.
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  #1  
Alt 13.11.2007, 13:55
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das deutsche Wirtschaftswunder

Hey Leute, jetzt bin ich auch wieder da .
Ich habe heute einen interessanten Ausschnitt gelesen, indem eine gewisse Frau Mitscherlich-Nielsen (Sozialpsychologin) erklärt, dass das deutsche Wirtschaftswunder in den 50er überhaupt erst entstehen konnte, weil das deutsche Volk den gekränkten nationalen Stolz und auch das Gefühl der Niederlage verdrängen wollte. Statt sich damit Auseinanderzusetzen "stürzte" es sich in den kollektiven Wiederaufbau des Landes, sogesehen zur Ablenkung. Ich finde wenn sie das sagt hat sie damit nicht garnicht mal so unrecht. Viele bzw. sehr viele Deutsche haben ne Menge Dinge verleugnet und sich auch mit den Taten nie auseinandergesetzt..

Wie denkt ihr darüber, wenn diese Dame sagt, das deutsche Wirtschaftswunder wäre allein der Ablenkungsfunktion fürs Volk zu verdanken?

mfg, Salva
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Die kürzesten Woerter, nämlich ja und nein, erfordern das meiste Nachdenken.

Geändert von Salva (13.11.2007 um 15:34 Uhr). Grund: nervöse Finger
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  #2  
Alt 13.11.2007, 14:20
Benutzerbild von Wulfnoth
The Censor
 
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Soweit ich weiß gibt es eigentlich drei Aspekte.
Den ersten hast du schon angesprochen. Nach dem zweiten Weltkrieg fand ein unglaublicher Rückzug ins Private statt, verbunden eben mit erheblichem Konsum.
Der zweite Punkt ist meines Wissens nach die robuste Weltwirtschaft in den 50ern, die ja auch schon damals eine Rolle spielte.

Und der für mich entscheidende Punkt ist, dass die Deutschen einiges aufzuholen hatten. Nicht nur der Wiederaufbau schaffte unmengen an Arbeit sondern auch die Firmen die den Krieg überstanden hatten (waren gar nicht so wenige) mussten erhebliche Modernisierungsarbeiten durchführen und wir alle wissen ja wie wichtig Inlandsnachfrage sein kann.
Schlussendlich gab es auch im Privaten einen erheblichen Konsumnachholbedarf, da die Nazis die private Entwicklung doch sehr hinten angestellt hatten und Projekte wie der eigene PKW für alle kaum Fortschritte gemacht hatten.

Ich habe dazu ein ein tolles Buch mit DVD zu Hause rumliegen. "Die Deutschen 1945 bis 1972, Leben im doppelten Wirtschaftswunderland" von R. Hosfeld und H. Pölking im Piper Verlag. Da sind auch tolle Werbefilme für Staubsauger, Kühlschränke, Waschmaschinen usw. bei, die erst den Nachholfbedarf verdeutlichen.
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  #3  
Alt 13.11.2007, 14:26
Novalis
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Dem Marshallplan meßt ihr gar keine Bedeutung bei?
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  #4  
Alt 13.11.2007, 14:30
Benutzerbild von Wulfnoth
The Censor
 
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Der Marshallplan war als Starthilfe sicher ungemein wichtig aber ich habe jetzt bereits mehrmals gelesen, dass man ein dortart langes und robustes Wirschaftswachstum/Wirtschaftswunder nicht alleine diesem Plan zuschreiben kann.
Betrachte es also als Teil der robusten Weltwirtschaft, denn vom Marshallplan profitierten auch andere europäische Länder (sogar mehr als Westdeutschland) und ohne eine gute Finanzlage in den USA wäre er auch nicht möglich gewesen.
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  #5  
Alt 13.11.2007, 14:33
Spender
 
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Viele bzw. sehr viele Deutsche haben ne Menge Dinge verleugnet und sich auch mit den Taten nie auseinandergesetzt.
Das ist eine nicht zu unterschätzende Facette. Hintergrund dazu liefert das Buch "Der Befreiungsminister" (nach dem Krieg Entnazifizierungsminister im damaligen Württemberg-Baden) von Bertold Kamm/Wolfgang Mayer (ersterer der Sohn des Ministers als Zeitzeuge) aus dem Silberburg-verlag Tübingen. Es gab damals schon mit der amerikanischen Militärregierung zahlreiche Konflikte: Die wollte Bestrafung der Deutschen, diese aber den Wiederaufbau. Das ging soweit, dass die damaligen sogenannten Spruchkammern, die über Millionen von Deutschen zu entscheiden hatten, ob sie Nazis waren oder "unbelastet", sich nicht genügend Personal zur Verfügung stellte. Die "Verleugnung" hat also statt gefunden.

Aber die rein wirtschaftlichen guten Voraussetzungen waren natürlich die materielle Basis. Die "Ablenkungsfunktion" allein ist Unsinn ...
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  #6  
Alt 13.11.2007, 14:53
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Das die USA damals eine Kriegswirtschaft besaß und Deutschland die Exportwirtschaftslücke füllen konnte finde ich auch noch recht wichtig. Das System der sozialen Marktwirtschaft hat das perfekt gefördert wie ich finde.
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  #7  
Alt 13.11.2007, 15:15
Novalis
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Da die Amerikaner fast ganz Westeuropa förderten, darf dieser Einfluß auf die Gesamtwirtschaft Westeuropas und damti auch auf das Wirtschaftswunder nicht unterschätzt werden.

Ebensowenig wie die Tatsache, daß im zerstöhrten und Demontierten Deutschland von Anfang an zwangsläufig moderne Produktionsmaschinen eingesetzt werden mußten wobei hingegen in Großbrittanien zum Beispiel die Dampfmaschine noch deutlich länger ihren Dienst tat.
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  #8  
Alt 13.11.2007, 15:18
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Hast du dir mal die Föderzahlungen angeschaut. Deutschland hat im Verhältnis zu GB, Frankreich oder Österreich nicht herrausragend viel bekommen.
Natürlich war es nicht bedeutungslos aber der Marshallplan bestand auch aus Essenslieferungen etc. und ausschließlich darauf ein Wirtschaftswunder aufbauen zu wollen fordert doch ein wenig Phantasie.
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  #9  
Alt 13.11.2007, 15:22
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In der Diskussion sollte auch mal wieder Ludwig Erhard erwähnt werden. Mein Buchtipp:

Alfred C. Mierzejewski, Ludwig Erhard - Der Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft, 400 Seiten, Siedler Verlag 2005.

18 Jahre lang gestaltete schließlich der gebürtige Fürther und »Vater des deutschen Wirtschaftswunders" die bundesdeutsche Wirtschaftsentwicklung, und er bewies dabei, dass Politik sich auch gegen Vorstellungen der Industrielobby gestalten läßt. In der Diskussion um das »Soziale« an der Marktwirtschaft, in die auch die Person Erhards einbezogen ist, macht das Buch klar, dass eine Polarisierung zwischen gut und böse wenig weiter führt.

Erhard gehörte keiner »Schule« an. Sein Geheimnis war eine flexible Politik und das Gespür für das Gebot der Stunde. Er ignorierte die Parteidisziplin, von Kritik ließ er sich nicht irre machen. Fast krimireif die Auseinandersetzungen erst mit der alliierten Besatzungsmacht, mit dem Verband der Deutschen Industrie, und vor allem mit Konrad Adenauer. Sauber dokumentiert sind die Gegensätze zwischen beiden Männern, die eigentlich unüberbrückbar waren. Das Kanzleramt für Erhard selbst war ein Abstieg.

Erhard galt stets als Prophet des freien Marktes, doch das wurde er erst, als die Zeit dafür reif war. Zwischen September 1948 bis 1951 war es möglich: Marktpreise festzusetzen, damit der Handel nicht Knappheiten ausnutzen konnte, nur um hohe Gewinne zu machen.

Erhards Kämpfe für die Eigenverantwortung des Bürgers und gegen Kartelle sind höchst aktuell - wohl auch seine Feststellung im Jahre 1956: dass es »für die Wirtschaftspolitik kein allgemeingültiges Rezeptbuch« gibt. Erhard führte es vor: Fantasie ist statt dessen gefragt. Die gab es wohl damals ...
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  #10  
Alt 13.11.2007, 15:29
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Zitat von Sokotra Beitrag anzeigen
In der Diskussion sollte auch mal wieder Ludwig Erhard erwähnt werden.
Ich denke dessen Name ist mit dem Wirtschaftswunder - pardon er nannte es wohl nur Aufschwung da es keine Wunder gibt - so untrennbar verbunden, dass man ihn gar nicht erwähnen muss.
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  #11  
Alt 13.11.2007, 15:34
Novalis
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Zitat von Wulfnoth Beitrag anzeigen
Hast du dir mal die Föderzahlungen angeschaut. Deutschland hat im Verhältnis zu GB, Frankreich oder Österreich nicht herrausragend viel bekommen.
Natürlich war es nicht bedeutungslos aber der Marshallplan bestand auch aus Essenslieferungen etc. und ausschließlich darauf ein Wirtschaftswunder aufbauen zu wollen fordert doch ein wenig Phantasie.
Richtig, aber durch die Gesamtförderung wurde auch eine gesamtwirtschaftliche Belebung erzielt, von der Deutschland zweifelsohne mit den richtigen Maßnahmen profitierte.
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  #12  
Alt 13.11.2007, 15:38
Benutzerbild von Wulfnoth
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Ja deswegen ja auch mein Punkt mit der guten Weltwirtschaft oben. Oder liegt Europa bei dir aufm Mond?
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  #13  
Alt 13.11.2007, 18:06
Novalis
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Zitat von Wulfnoth Beitrag anzeigen
Ja deswegen ja auch mein Punkt mit der guten Weltwirtschaft oben. Oder liegt Europa bei dir aufm Mond?
Naja, Weltwirtschaft... im Vergleich zur Weltwirtschaft von heute war die andere Welt damals der Mond.
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  #14  
Alt 06.12.2007, 06:20
Benutzerbild von Ythor
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Wenn ich mich recht entsinne wurde zu meiner Schulzeit auch der Koreakrieg als Faktor angesprochen. Während die Westallierten (hauptsächlich natürlich die USA) wieder zum Teil auf Kriegswirtschaft umsteigen mussten, konnte Deutschland diese "Güterlücken" mit erhöhtem Export füllen.

Hier wären die entsprechenden Exportzahlen mal ganz interessant.
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  #15  
Alt 06.12.2007, 10:17
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Zitat von Ythor Beitrag anzeigen
Hier wären die entsprechenden Exportzahlen mal ganz interessant.
1950 hatte die Bundesrepublik noch ein Minus von 3 Mrd. DM in der Außenhandelsbilanz, 1952 wurde mit 700 Mio. DM bereits ein Überschuß erzielt, 1955 waren es 1,2 Mrd.DM Überschuß. Im August 1951 ging bei Opel das 250 000ste Auto für den Export vom Band. Der Faktor Außenhandel spielte also eine Rolle. Zugute kam wohl auch die Verbindung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft.

Aber ohne die Entwicklung im Inneren wäre aus dem "Wunder" nix geworden. Da war die Bauwirtschaft ein Motor des Aufschwungs - es war ja alles kaputt. Ab 1953 entstanden mit Hilfe öffentlicher Mittel pro Jahr über eine halbe Million neuer Wohnungen.
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