20.11.2008 - 09:54
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  #1  
Alt 12.11.2007, 20:56
Spender
 
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Beiträge: 848
STREIK !!!

Die Nachrichten sind voll von den Vorbereitungen auf den nächsten Lokführer-Streik. Ich halte es für abwegig, dass eine kleine Gruppe von Facharbeitern ein ganzes Land lahm legt.

Aber darum geht es mir nicht. Ich habe gerade mal wieder Upton Sinclairs "König Kohle" beim Bücher umräumen in der Hand gehabt - eines meiner Lieblingsbücher über die Zeit der Arbeiterbewegung in den USA. Immer wieder beschäftigt habe ich mich mit der Arbeiterbewegung in Deutschland. Spannend, das Thema, finde ich persönlich. Streiks, von den Gewerkschaften organisiert, spielten eine zentrale Rolle.

Wir haben jetzt das Jahr 2007. Wo steht heute die Gewerkschaftsbewegung? Was ist da - im Verlauf von sagen wir rund 170 Jahren Geschichte - eigentlich passiert? Ich sage rund 170 Jahre und denke da in Großbritannien an die "Tolpuddle"-Märtyrer, die sich 1834 für höheren Lohn einsetzten und wegen Meuterei nach Australien verbannt wurden.

Mir geht es also um eine sachlich-historische Einordnung, nicht um die Lokführer. Das war hier heute nur ein Aufhänger.

Feuer (besser: keyboards) frei ...
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  #2  
Alt 12.11.2007, 21:04
Novalis
Gast
 
Beiträge: n/a
Zitat von Sokotra Beitrag anzeigen
Wir haben jetzt das Jahr 2007. Wo steht heute die Gewerkschaftsbewegung?
Nun, sie stand recht nah am Nullpunkt und mit einem bein im Grab.
Inzwischen sind die Zukunftsaussichten etwas besser und ich bin fest davon überzeugt, daß sie deutlich besser werden.

So langsam merken die Menschen, daß es ihnen an die Geldbörse geht und die oberen 10.000 stetig reicher werden.

Ich sage wieder blühende Zeiten für die Gewerkschaften vorraus. Vorrausgesetzt es gelingt ihnen und selbes kann man für die SPD auch sagen, dem aufsteigenden Unmut eine ehrliche Anlaufstelle zu bieten.
Und was Ehrlichkeit anbelangt, sehe ich die gewerkschaften derzeit vor der SPD.
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  #3  
Alt 12.11.2007, 21:24
Benutzerbild von Jason
Hoplit
 
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In Italien hat der Faschismus einen seiner Ursprünge in der Bekämpfung der Streiks und Arbeiteraufstände. In den 20 ern haben faschistische Schwarzhemden sogar auf streikende Arbeiter der Ansaldo-Werke geschossen. Das Großbürgertum hat diese Repressionen in der Regel begrüßt und dadurch die faschistische Partei gestärkt.
Ich glaube, das gleiche ereignete sich doch auch in D in den 30ern mit den sog. "Freikorps"? Damals war das in den Salons der "Reichen" nicht verpönt, die streikenden als "rotes Gesindel" zu definieren und die Rabauken mit den schwarzen und braunen Hemden waren willkommene Gehilfen...
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"So lange nicht alle Menschen werden wie er, müßen wir unsere Schwerter scharf halten"

Ben Hur: "Und unseren Zielen treu bleiben."
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  #4  
Alt 12.11.2007, 21:30
Benutzerbild von Wulfnoth
The Censor
 
Registriert seit: 29.01.2005
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Freikorps in den 30ern? Die sind eher in den ganzen frühen 20ern anzusiedeln und da waren die Streiks eher bürgerkriegsähnliches Auseinandersetzungen als Arbeitskämpfe. Die Freikorps waren dabei für die MSPD das Mittel eine Räterepublik der USPD/KPD nach russischem Vorbild zu verhindern.

Die ewigen Straßenschlachten zwischen NSDAP und KPD sind auch so ein kleiner aufgebauschter Mythos. Kürzlich erst habe ich einen Artikel zu den Streiks in den öffentlichen Verkehrsbetrieben in Berlin gelesen, der sehr gut darlegt, dass KPD und NSDAP auch gerne mal gegen die Weimarer Koalition zusammen gearbeitet haben. Nicht umsonst sprach man von einer destruktiven Mehrheit.
Dass viele nach den turbuleten ersten 30er Jahren die eiserne Ruhe im Korsett der NSDAP begrüßten mag sein aber Hitler und seine Anhänger waren den alten Eliten eigentlich sehr suspekt. Symbolisch wird das in Hindenburgs Haltung verdeutlicht.
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Demokratie heißt die Wahl haben. Diktatur heißt, vor die Wahl gestellt werden.
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  #5  
Alt 12.11.2007, 21:38
Benutzerbild von Jason
Hoplit
 
Registriert seit: 29.10.2007
Ort: Durmersheim bei Karlsruhe
Beiträge: 714
Soviel ich weiß sind aber aus diesen Freikorps sehr viele künftige "Parteigrößen" hervorgegangen- und um auf Streiks zurückzukommen: es war bestimmt der verlängerte Arm des Großbürgertums der auf die Arbeiter einprügelte. Im faschistischen Italien wurde tatsächlich eine "disziplinierung" der sozialistischen streikenden Arbeiterschaft durch die Milizen betrieben. Das schaffte dann "Ordnung". In Spanien gings ja weiter bis zum Bürgerkrieg...
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  #6  
Alt 12.11.2007, 21:42
Benutzerbild von Samurai
Großkönig Persiens
 
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Ich gebe Novalis recht, bald wird es etwas lauter, wenn die Reichen reicher werden und die Arbeiter niedrigeren Lohn bekommen. Aber jetzt kommt die Frage wie soll man das jetzt wieder lösen? Damals hat Bismarckt und Berlepsch die Situation durch einmischung des Staates "entschäfrt"... aber wie sollte man das heute "lösen"? Radikal? Durch Reformen? Zwar ist die heutige Lage nicht so extrem wie zu Zeiten Bismarcks, aber man kann ja Spekulieren...
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  #7  
Alt 12.11.2007, 21:44
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Zitat von Jason Beitrag anzeigen
Soviel ich weiß sind aber aus diesen Freikorps sehr viele künftige "Parteigrößen" hervorgegangen- und um auf Streiks zurückzukommen: es war bestimmt der verlängerte Arm des Großbürgertums der auf die Arbeiter einprügelte.
Das halte ich für eine sehr einseitige Weltsicht.
Die Freikorps bildeten sich aus Soldaten, die aus dem Krieg zurück kamen und sie waren der verlängerte Arm der MSPD um Friedrich Ebert und des Generalstabs. Weder MSPD noch Generalstab/Armee würde ich dem Großbürgertum zurechnen. Die Generalität war häufig adelig und die MSPD war eine Arbeiterpartei.
Im Übrigen folgte nur ein kleiner Prozentsatz der Arbeiter wirklich dem Spartakusbund.

Parteigrößen halte ich für möglich aufgrund des Umfangs der Freikorps, wäre mir aber neu. Ein paar Namen wären interessant.
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  #8  
Alt 12.11.2007, 21:45
Spender
 
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Ort: Raum Nürnberg
Beiträge: 848
Novalis schrieb:

So langsam merken die Menschen, daß es ihnen an die Geldbörse geht und die oberen 10.000 stetig reicher werden.
Wilhelm Liebknecht hielt 1897 in einem Artikel über „Die Sozialdemokratie im Hamburger Hafen“ das Bild fest: „Männer in zornigem Trotz die Lippen zusammengepreßt, entschlossen, für ihre doch so bescheidenen Forderungen zu ringen gegen das nimmersatte Kapital, das ihnen das letzte Mark auspressen will aus den Knochen, das sie bedrohen will, weil sie sich erkühnt haben, von dem kargen Recht Gebrauch zu machen, welches das Reich der Reichen ihnen gnädig gewährt hat“.

Das ist 110 Jahre her. Noch aktuell? Was meint ihr?
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  #9  
Alt 12.11.2007, 21:47
Spender
 
Registriert seit: 27.10.2007
Ort: Raum Nürnberg
Beiträge: 848
Nachtrag: Nein, ich glaube, "Klassenkampf" ist passé. Den Begriff muss man in die historische Mottenkiste stecken. Aber ein Kern bleibt aktuell im Sinne von Novalis.
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  #10  
Alt 12.11.2007, 21:48
Benutzerbild von Wulfnoth
The Censor
 
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Ort: Freiburg
Beiträge: 6.447
Im Grundsatz vielleicht, nur dass es damals den Menschen wesentlich schlechter ging als heute. Heute wird man ja von der staatlichen Grundsicherung aufgefangen.
Außerdem sind die Probleme durch die Globalisierung schwerer beherrschbar geworden, die einfachen Lösungen von damals ziehen nur noch bedingt.
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  #11  
Alt 12.11.2007, 21:54
Benutzerbild von Jason
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Namen fallen mir nicht ein. Ich glaube viele dieser "Freikorps-Angehörigen"mündeten dann in der SA. Du hast wahrscheinlich recht, daß es ein gemischtes Trüppchen war, enttäuschte Militärs, Adelige undsow. Aber im Kern Erzkonservativ im schlechteren Sinne des Wortes. Die radikalen Ansichten sind wohl beiderseitig zu verurteilen. Aber die Schlachterei in der es -und da komme ich zurück auf Spanien- teilweise mündete, war eine Ankündigung der kommenden Ereignisse in Europa.
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  #12  
Alt 12.11.2007, 21:55
Spender
 
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Beiträge: 848
Ich bitte den Begriff Solidarität einführen zu dürfen. Ich lebe bekanntlich im Raum Nürnberg. Da hat Electrolux als Besitzer das Werk von AEG Hausgeräte platt gemacht. Solidarität war breit angelegt, es gab Streiks, natürlich. Dass alles nichts geholfen hat, ist die eine Seite, aber die Erfahrung der Solidarität war für viele wichtig.

Dann habe ich beruflich verschiedene Hauptversammlungen erlebt. Entlassungen waren schon angekündigt. Aktienbesitzer traten ans Mikrofon, verlangten mehr Entlassungen, damit sie ihre Dividende bekommen. Die Leute am Mikrofon waren Arbeiter. Allerdings woanders ...
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  #13  
Alt 12.11.2007, 22:03
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Hoplit
 
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Ort: Durmersheim bei Karlsruhe
Beiträge: 714
Ich habe vor Jahren auch mal in einem Hüttenwerk gejobbt und da wurde gestreikt wegen der Schliessung einer Giesserei mit Entlassung von ca. 30% der Arbeiter im Werk. War ein tolles Erlebnis! Wir sind in voller Montur mit schwarzverschmierten Gesichtern alle zusammen die Straße entlang marschiert. Und für alle Fälle waren ein paar robuste Kumpels dabei die die zögerlichen mit markigen Worten zum mitmachen bewegt haben...
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  #14  
Alt 12.11.2007, 22:17
Novalis
Gast
 
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Zitat von Sokotra Beitrag anzeigen
Das ist 110 Jahre her. Noch aktuell? Was meint ihr?
Das ist vom kern her so aktuell wie das Zitat: "Die Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen"
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  #15  
Alt 13.11.2007, 10:14
Thete
 
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Ort: Berlin
Beiträge: 770
Gewerkschaften als Interessenvertretung der Arbeitnehmer sind genauso aktuell wie in den letzten Jahrzehnten. Inwischen haben viele Menschen sogar wieder gemerkt, dass sie eine Interessenvertretung brauchen und die neoliberalen Geschichten ("Wir sitzen alle in einem Boot" oder "Lohnzurückhaltung nutzt allen" oder so ein Schwachsinn) klug erzählte Lügen waren.

Das Hauptproblem der Gwerkschaften in den nächsten jahren wird sein, endlich auch auf das "Prekariat" (v.a. die vielen Mio. Minijobber und Zeitarbeiter) zuzugehen. Bisher vertreten die Gewerkschaften eben fast ausschließlich die Festarbeitsplätze, die gesamtgesellshchaftlich immer seltener werden.
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