20.11.2008 - 15:13
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  #1  
Alt 20.08.2008, 09:36
Benutzerbild von Basileios
Plebejer
 
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Wahlen in der DDR

Da der Staat ja das zweite D in seiner Abkürzung so gerne rechtfertigen wollte, hielt er wie es sich gehörte auch Wahlen ab (Volkskammer und Kommunalwahlen). Dazu standen sogar 5 Parteien bereit, dazu stellten sich noch 5 sogenannte "Massenorganisationen" zur Wahl, die zwar keine Parteien waren aber bei Wahlen als solche auftraten.

Dazu wurde vor den Wahlen sogar ein "Wahlkampf" geführt. Also zwischen die ohnehin überall herunhängenden (zumeist roten) Plakate mit den "Losungen" (für was steht Losung eigentlich in der Zoologie ) wie "Unverbrüchlicher Bruderbund mit der UdSSR" oder "Vorwärts zum X.Parteitag", kamen jetzt noch Plakate "Heraus zur Volkswahl am xx.xx." usw.
Mein persönlicher Favorit war das Plakat wo sich ein etwas dicklicher Mann extra öligen Dreck ins Gesicht geschmiert hatte und einen Helm aufgestzt hatte und einen "Arbeiter" darstellen sollte. Dann den Daumen hoch machte und drunter stand "Das packen wir, bis zur Wahl", die Version mit der entsprechend gefaketen "Bäuerin" gleich auf Rang 2.

Der Pferdefuß war natürlich das man bei dieser "Wahl" aber auch nicht die geringste Wahl hatte. Denn die 5 Parteien und die Massenorganistionen bildeten eine Liste die hieß "Nationale Front" (war noch vor LePen's bekannt werden, sonst hätte man sie bestimmt anders genannt). Also eine Liste auf der ALLE ZUSAMMEN kandidierten.
Das "Wahlvolk" ging zur Wahl um diese eine Liste zu Wählen. Um 18.00 Uhr wurde dann im DDR Fernsehen sogar ein Wahlstudio gezeigt, das nacheinander für die 15(+Berlin H.d.DDR) Bezirke die Wahlbeteiligung durchsagte. Das Wahlergebnis interessierte nicht wirklich. Wie auch.

Wie konnte man denn nun wenigstens zu der einen Liste "Nein" sagen? Man konnte das überhaupt nicht. Ging man nicht wählen senkte man die Wahlbeteiligung, zählte also nicht mit. Man konnte die Stimme ungültig abgeben (Durchreissen des Zettels-geschickt falten das er nicht beim Einwurf schon auseinanderfällt, Alles durchstreichen, ...). Also hatte man die Wahl sich als Blödmann zu outen der nicht in der Lage ist zu wählen oder die "Nationale Front" zu wählen, als "Ja" zu sagen.

Es gab in den Wahllokalen eine Kabine in der man unbeobachtet mit dem Wahlzettel sein konnte. Wegen der ungemein "einfachen" Wahl, gingen jedoch die meisten an der Kabine vorbei und warfen den gerade erst bekommenen Zettel gefaltet sofort ein (und hatten die Farce unkompliziert hinter sich).

Im Wahllokal anwesend übrigens die "gesellschaftlichen Kräfte" der jeweiligen Nachbarschaft. Also der Chef des Wohnungswesens der Gemeinde, der Schludirektor, ein Bonze vom FdGB, die sich ziemlich gut sichtbar Notizen machten wenn einer die Kabine nutzte.
Man hatte also das unbedingte Gefühl wenn einem der Antrag auf eine eigene Wohnung abgelehnt wurde (es herrschte Wohnungsnot), das wenn das Kind nicht zur EOS (Abitur) zugelassen würde, der Urlaubsplatz an der Ostsee nicht gewährt wurde, das min sich das mit seiner "frechen und wichtigtuerischen Aktion des Kabine-Benutzens" eingehandelt hat. Das schlechte Gewissen einer solchen Aktion hatte man dann vor Sich und seiner Familie bis zur nächsten Wahl auszumachen.

Ich hatte persönlich die "Gelegenheit" in den 80er Jahren noch zweimal für diese Wahl berechtigt zu sein und kam beim letzten mal 89 gerade aus dem entsprechenden Lokal (war in der Schule), als unserer Nachbar gerade Besuch aus Krefeld bei sich hatte. Da man da natürlich gleich mal die Gelegenheit nutzte die vorm Haus parkende neuste Wolfsburger Autoschmiedekunst auffällig zu beglotzen, kam der entsprechende Wagenlenker aus dem Haus und fragte warum denn die Leute alle Sonntag in die Schule gingen. Aha Wahlen.

Dann folgte ein Gespräch in dem ein echter Demokrat und ein "ich mach dem Schei... mit weil ich meine Ruhe haben will"- Bürger versuchten sich zu verständigen. Ich muss sagen ich wäre damals nie auf die Idee gekommen mir die entsprechenden Soft-Repressalien für Zettel versauen oder durchreissen zuzuziehen, weils ja "sowoeso nur Ärger bringt". Der VW-Fahrer stand nachher mit offenem Mund da und sagte "so eine Frechheit würde ich mir nie gefallen lassen", nachdem er am Anfang noch gesagt hatte "dann wählt den Honnecker doch einfach ab" oder "Warum macht ihr sowas denn alle mit?".

Das ein übereifriger Egon Krenz das "Wahlergebnis" (also die "Zahl der ungültigen Stimmem) auch noch gefälscht hat, war einer der letzten Anlässe zum Ende dieser D(D)R.

Gibt es hier noch andere User die über Erfahrungen dieser "Volksdemokratie" verfügen?

Geändert von Basileios (20.08.2008 um 09:44 Uhr)
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  #2  
Alt 20.08.2008, 17:19
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Aber die Ampelmännchen waren doch soooo toll. Und nur die süßen Trabbis und überhaupt fand ich die HJ.. ähh FDJ-Uniformen so schick...

Ich könnt kotzen wenn ich an diese "Nostalgie"shows denke wo eine Frau Witt mit einem lachen erzählt wie toll alles war.

Toller Bericht über deine Erfahrungen, wirklich sehr interessant.
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  #3  
Alt 20.08.2008, 21:53
Proconsul
 
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Beiträge: 1.232
Aber die Ampelmännchen waren doch soooo toll
Wieso waren? In vielen Kommunen gibt es sie noch.

JAAAAA, er lebt noch... .
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  #4  
Alt 20.08.2008, 22:14
Proconsul
 
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Beiträge: 1.232
Gibt es hier noch andere User die über Erfahrungen dieser "Volksdemokratie" verfügen?
Im Großen und Ganzen hauen deine Erfahrungen wohl hin. Das IndieKabinegehen hing aber wohl von der Kommune ab, in der man lebte. In der Gemeinde bei uns, war das z.B. kein Hindernis, wobei die Meisten auch nicht reingingen. Aber das war Dorf und da überlegt man sich schon zweimal, ob man wegen so einem Anlaß jemanden anmacht.Partei hin oder her.

Aber das der Wahlleiter kurz vor Wahlschluß zu den Leuten gehen mußte, die noch nicht wählen waren, fand ich schon damals amüsant. Aber die Wahlbeteiligung mußte stimmen! Hat ihm auch nie Freude bereitet, sich so öffentlich zum Klops zu machen.
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  #5  
Alt 20.08.2008, 22:42
Benutzerbild von Basileios
Plebejer
 
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Die Parteien innerhalb der "Nationalen Front" waren

CDU - Christlich Demokratische Union
also ursprünglich Teil der gesamtdeutschen CDU, der sich aber nach 1949 dem DDR System bis zur Gesichtslosigkeit anpasste. In der CDU waren zumeist Leute die der Kirche nahe standen. Auch viele Lehrer die "in die Partei (also SED) eingetreten werden sollten" um Karriere zu machen. Aber das dann nicht wollten und lieber in die CDU eintraten um zu sagen bin schon in einer Partei, sorry.

LDPD -
sammelte ursprünglich die Überreste der der Liberalen Parteien aus der Weimarer Zeit (DDP, SStP) auf und brachte sie nach 1949 "auf Linie".
Die Partei war vor allem von kleinen Geschäftsleuten bevölkert, die verhindern wollten das ihr kleiner Laden von der staatlichen HO oder der Konsumgenossenschaft enteignet wurde und stattdessen zumeist als sog. "Kommissionshändler" durchschlugen. Auf Parteisitzungen gings daher meist darum wo man günstig Ware und "Matrial" zum Einkauf bekommen könnte. Alles Politische wurde von der SED vorgegeben und abgenickt.

NDPD - Nationaldemokratische Partei Deutschlands
Wurde nach 45 gegründet um ehemalige Wehrmacht und NSDAP Mitglieder eine Möglichkeit zu geben sich mit dem DDR System zu engagieren. Später wurde die Partei aber zur "Handwerkerpartei" in der überwiegend die selbständigen Kleinhandwerker eintraten und bei den Sitzungen ebenfalls geschäftlichen Kleinkram diskutierten. Politisch wich man natürlich nie von der SED Linie ab, offiziell, inoffiziell wurde unter den Handwerkern viel geschimpft, aber das blieb immer hinter den verschlossenen Türen.
Hatte nie was mit der heutigen Neonazi Partei NPD zu tun.

DBD - Demokratische Bauernpartei
wie der Name schon sagt, man wollte neben der "Arbeiterpartei" SED auch eine Bauernpartei haben. War sozusagen die SED für die Landbevölkerung. Politischer Abnickverein. Muckierte sich nicht mal als die Kleinbauern "kollektiviert" wurden, nickte auch immer alles ab.

SED - Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
Hervorgegengen aus der (unter russischem Druck herbeigeführten) Vereinigung von KPD und SPD.
Genannt nur "Die Partei". Ging von der Theorie aus, das sie als "Partei Neuen Typs" (nach Lenin) die Führerin der Arbeiterklasse sei. Als Arbeiterklasse galt jeder, der irgendwann mal in der Industrie gearbeitet hatte. Also mal vor 30 Jahren Dreher gelernt und dann nur als Bonze hinterm Schreibtisch, immernoch "Arbeiterklasse".
So gerechnet vertrat die SED also in der Theorie die große "Masse" des Volkes und daher stand ihr (unabhängig von etwaigen Wahlergebnissen) eine "Führende Rolle" in der Politik zu. Also konnte sich diese Partei über alle anderen hinwegsetzen, da sie ja bei der "Erfüllung der historischen Mission der Arbeiterklasse" nicht behindert werden durfte. - so war dann immer die Argumentation von den "Hundertprozentigen", wenn mal ein frecher junger Bengel mal die "Wahlen" kritisierte.

Von der SED ebenso 100% gesteuert waren auch die "Massenorganisationen"

FdGB - Freier Deutscher Gewerkschaftsbund
sollte eigentlich eine Gewerkschaft sein, hatte aber mit Tarifkonflikten überhaupt nichts am Hut. Verwaltete aber eine Menge kleiner Privilegien wie Urlaubsplätze, Eintrittskarten für Europokalspiele und andere Zuckerli und Raritäten auf die der kleine Mann so scharf war.

FDJ - Freie Deutsche Jugend
die mit den schicken blauen Shirts.
Erst wurde man Junpionier (blaues Halstuch Weisses Shirt), dann Thälmann Pionier (Weisses Shirt Rotes Halstuch) , dann FDJ.
Hohler Phrasendreschverein, der aber auch entsprechende Mini Privilegien verteilen konnte und den man daher ab und zu brauchte.
Wer nicht in die FDJ ging war "verdächtiger Querulant", da wurde nur drüber hinweg gesehen wenn einer erwiesenermassen kirchlich war (also Pfarrerssöhne) ansonsten wurde man so lange "bearbeitet" bis man doch das blaue Shirt anzog.

DFD - Demokratischer Frauenverband
verteilte diese kleinen Privilegchen halt für Frauen

KB - Kulturbund
kümmerte sich entsprechend um rare Theaterkarten und sonstige Kulturveranstaltungen

VdGB - Verband gegenseitiger Bauernhilfe
Da haben sich die Bauern gegenseitig Satgut und Dünger geborgt, alte Trecker besorgt und gezeigt wie man die größten Kartoffeln bekommt.
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