Da der Staat ja das zweite D in seiner Abkürzung so gerne rechtfertigen wollte, hielt er wie es sich gehörte auch Wahlen ab (Volkskammer und Kommunalwahlen). Dazu standen sogar 5 Parteien bereit, dazu stellten sich noch 5 sogenannte "Massenorganisationen" zur Wahl, die zwar keine Parteien waren aber bei Wahlen als solche auftraten.
Dazu wurde vor den Wahlen sogar ein "Wahlkampf" geführt. Also zwischen die ohnehin überall herunhängenden (zumeist roten) Plakate mit den "Losungen" (für was steht Losung eigentlich in der Zoologie

) wie "Unverbrüchlicher Bruderbund mit der UdSSR" oder "Vorwärts zum X.Parteitag", kamen jetzt noch Plakate "Heraus zur Volkswahl am xx.xx." usw.
Mein persönlicher Favorit war das Plakat wo sich ein etwas dicklicher Mann extra öligen Dreck ins Gesicht geschmiert hatte und einen Helm aufgestzt hatte und einen "Arbeiter" darstellen sollte. Dann den Daumen hoch machte und drunter stand "Das packen wir, bis zur Wahl", die Version mit der entsprechend gefaketen "Bäuerin" gleich auf Rang 2.
Der Pferdefuß war natürlich das man bei dieser "Wahl" aber auch nicht die geringste Wahl hatte. Denn die 5 Parteien und die Massenorganistionen bildeten eine Liste die hieß "Nationale Front" (war noch vor LePen's bekannt werden, sonst hätte man sie bestimmt anders genannt). Also eine Liste auf der ALLE ZUSAMMEN kandidierten.
Das "Wahlvolk" ging zur Wahl um diese eine Liste zu Wählen. Um 18.00 Uhr wurde dann im DDR Fernsehen sogar ein Wahlstudio gezeigt, das nacheinander für die 15(+Berlin H.d.DDR) Bezirke die Wahlbeteiligung durchsagte. Das Wahlergebnis interessierte nicht wirklich. Wie auch.
Wie konnte man denn nun wenigstens zu der einen Liste "Nein" sagen? Man konnte das überhaupt nicht. Ging man nicht wählen senkte man die Wahlbeteiligung, zählte also nicht mit. Man konnte die Stimme ungültig abgeben (Durchreissen des Zettels-geschickt falten das er nicht beim Einwurf schon auseinanderfällt, Alles durchstreichen, ...). Also hatte man die Wahl sich als Blödmann zu outen der nicht in der Lage ist zu wählen oder die "Nationale Front" zu wählen, als "Ja" zu sagen.
Es gab in den Wahllokalen eine Kabine in der man unbeobachtet mit dem Wahlzettel sein konnte. Wegen der ungemein "einfachen" Wahl, gingen jedoch die meisten an der Kabine vorbei und warfen den gerade erst bekommenen Zettel gefaltet sofort ein (und hatten die Farce unkompliziert hinter sich).
Im Wahllokal anwesend übrigens die "gesellschaftlichen Kräfte" der jeweiligen Nachbarschaft. Also der Chef des Wohnungswesens der Gemeinde, der Schludirektor, ein Bonze vom FdGB, die sich ziemlich gut sichtbar Notizen machten wenn einer die Kabine nutzte.
Man hatte also das unbedingte Gefühl wenn einem der Antrag auf eine eigene Wohnung abgelehnt wurde (es herrschte Wohnungsnot), das wenn das Kind nicht zur EOS (Abitur) zugelassen würde, der Urlaubsplatz an der Ostsee nicht gewährt wurde, das min sich das mit seiner "frechen und wichtigtuerischen Aktion des Kabine-Benutzens" eingehandelt hat. Das schlechte Gewissen einer solchen Aktion hatte man dann vor Sich und seiner Familie bis zur nächsten Wahl auszumachen.
Ich hatte persönlich die "Gelegenheit" in den 80er Jahren noch zweimal für diese Wahl berechtigt zu sein und kam beim letzten mal 89 gerade aus dem entsprechenden Lokal (war in der Schule), als unserer Nachbar gerade Besuch aus Krefeld bei sich hatte. Da man da natürlich gleich mal die Gelegenheit nutzte die vorm Haus parkende neuste Wolfsburger Autoschmiedekunst auffällig zu beglotzen, kam der entsprechende Wagenlenker aus dem Haus und fragte warum denn die Leute alle Sonntag in die Schule gingen. Aha Wahlen.
Dann folgte ein Gespräch in dem ein echter Demokrat und ein "ich mach dem Schei... mit weil ich meine Ruhe haben will"- Bürger versuchten sich zu verständigen. Ich muss sagen ich wäre damals nie auf die Idee gekommen mir die entsprechenden Soft-Repressalien für Zettel versauen oder durchreissen zuzuziehen, weils ja "sowoeso nur Ärger bringt". Der VW-Fahrer stand nachher mit offenem Mund da und sagte "so eine Frechheit würde ich mir nie gefallen lassen", nachdem er am Anfang noch gesagt hatte "dann wählt den Honnecker doch einfach ab" oder "Warum macht ihr sowas denn alle mit?".
Das ein übereifriger Egon Krenz das "Wahlergebnis" (also die "Zahl der ungültigen Stimmem) auch noch gefälscht hat, war einer der letzten Anlässe zum Ende dieser D(D)R.
Gibt es hier noch andere User die über Erfahrungen dieser "Volksdemokratie" verfügen?